Freitag, 8. Januar 2010

Thumbs up / Thumbs down: Jahresrückblick 2009



Verglichen mit 2008 bot das zurückliegende Jahr durchaus Grund für Hoffnung. Unter anderem gab es neue Filme von Quentin Tarantino, Sam Raimi, James Cameron, Kathryn Bigelow, Michael Mann, Darren Aronofsky und Steven Soderbergh. Viele dieser Filme konnten die hohen Erwartungen halten oder markierten eine überraschende Rückkehr zu früherer Form. Nur Scorseses Shutter Island wurde uns vorenthalten – das von der Wirtschaftskrise angeschlagene Studio hat den Kinostart der Dennis-Lehane-Verfilmung verschoben, eine nicht ganz nachvollziehbare Sparmaßnahme. 2009 war nicht nur in dieser Hinsicht das Jahr der Wirtschaftskrise: Michael Mann und Tom Tykwer haben mit ihren Filmen Public Enemies und The International im fiktiven Rahmen wohl am deutlichsten auf das bestimmende Thema in Nachrichten und Zeitungen verwiesen. Aber auch Rückgriffe auf den klassischen Politthriller wie State of Play, europäische Gangsterfilme wie der ausgezeichnete Mesrine-Zweiteiler von Jean-François Richet und Independentfilme von Nicolas Winding Refn (eiteiler sche Gangsterfilme wie der ausgezeichnete Bronson) und Darren Aronofsky (The Wrestler) belegen zusammen mit Kathryn Bigelows beeindruckendem Irakkriegsdrama The Hurt Locker ein neues Interesse an düsteren Charakterstudien. Im Folgenden meine Tops und Flops 2009, je nach Laune mit kurzen oder weniger kurzen Kommentaren versehen.



The Good:


Inglourious Basterds (2009; Quentin Tarantino) – Irgendjemand hat einmal gesagt, ein guter Film bräuchte mindestens fünf movie moments, diese schwer greifbaren Momente, Bilder oder Szenen, die aus einem Film hervorstechen, uns verzaubern und Unterhaltungskino zu dem magischen Erlebnis machen, das es im Idealfall sein kann. Inglourious Basterds, Tarantinos Ausflug in den dreckigen Kriegsfilm, ist ein Werk voller solcher movie moments geworden. Da wären z.B. die unerhört gute Eröffnungssequenz oder das Verhör, in dem Christoph Walz nebenher einen Strudel, nun ja, zerstört. Brillant sind auch die 40 Minuten in einer französischen Kellertaverne, in denen die „Basterds“ Kinderspielchen mit besoffenen Nazis spielen müssen, bevor alles innerhalb weniger Sekunden in Fetzen geschossen wird. Unvergessen auch die unverschämte kurze Rückblende, in der Hugo Stiglitz (Til Schweiger) wie in einem der schmierigen Men’s Adventure-Magazinen der 1950er Jahre ausgepeitscht wird oder die Einstellung, wenn sich Shosanna zu David Bowies „Putting out the Fire (with Gasoline)“ schminkt und Melanie Laurent dabei wie die junge Nastassja Kinski in Schraders Cat People (1982) aussieht und, und, und. Schlicht der Film des Jahres! Und Tarantinos bester bislang. Wie sagt Christoph Walz’ Hans Landa so schön: „That’s a Bingo!“

Drag Me to Hell (2009; Sam Raimi) – Endlich mal wieder ein guter Horrorfilm, der trotz seiner PG-13-Freigabe alles bietet, was man sich von einer filmischen Achterbahn erwartet. Und jetzt bitte eine dritte Evil Dead-Fortsetzung – unrated, versteht sich!

Avatar (2009; James Cameron) – Ice Age – Dawn of the Dinosaurs (2009; Carlos Saldanha und Mike Thurmeier) war mein erster 3D-Film, seit Hollywood wieder versucht, uns die neue alte Innovation als Attraktionskino unterzuschieben. Tatsächlich waren die Effekte dort durchaus überzeugend. Aber erst Avatar zeigt, was man alles mit der zusätzlichen Dimension anfangen kann. Eine überzeugende Dramaturgie sieht vielleicht anders aus, aber als visionärer Bilderrausch ist Camerons Comeback ein Meisterwerk. Punkt.

Harry Brown (2009; Daniel Barber) – Irgendjemand hat für Eastwoods Gran Torino (2008) den Begriff „Rentner-Action“ geprägt. Das war irgendwie richtig und falsch zugleich. Auch Harry Brown wird man dieses Prädikat wohl anhängen, wenn er in Deutschland endlich in die Kinos kommt. Dabei wird in Filmen wie Harry Brown und Gran Torino Action, und damit notwendigerweise Bewegung, nur in wenigen Szenen direkt in Szene gesetzt. Vielmehr geht es hier um Stillstand, um verstockte Charaktere, die von alten Stars gespielt werden, mittlerweile weit in ihren 70ern (Caine ist 76, Eastwood 79). Die Protagonisten, die beide in Gran Torino und Harry Brown geben, sind alte, müde Männer, die sich meilenweit von der sie umgebenden Gesellschaft entfernt haben. Und im Gegensatz zu den modischen Rachefantasien der letzten Jahre sind diese Filme wirklich düster.

Public Enemies (2009; Michael Mann) – Endlich wieder ein richtig guter Michael-Mann-Film. Cadrage und Einstellungsgrößen wirken durch das Spiel mit Vorder- und Hintergrund und die übernahen, detailreichen Großaufnahmen wie ein bewusster Rückgriff auf die 1960er Jahre und die Techniscope-Bilder des italienischen Genrekinos. Die Close-ups von Johnny Depp jedenfalls hätte Sergio Leone selbst nicht besser eingerichtet haben können. Der digitale Look des Films bringt zusätzlich eine geradezu surreale Note ein. Hervorragend! Ein Ärgernis ist allerdings die deutsche Synchronfassung, die es sogar schafft, aus dem FBI das „Zentrale Büro für Ermittlungen“ zu machen.

State of Play (2009; Kevin Macdonald) – Ein bewusster Rückgriff auf den Politthriller der paranoiden 1960/70er Jahre. Zwar kein Vergleich mit Alan J. Pakulas und Sydney Pollacks Klassikern, aber sauber gearbeitetes Hollywood-Kino, an dem man kaum etwas aussetzen kann – erfreulich.

The Hangover (2009; Todd Phillips) – The Hangover war wirklich eine Überraschung. Todd Phillips, der zuvor u.a. den grässlichen Starsky & Hutch (2004) inszeniert hat, gelingt tatsächlich das Kunststück, eine Komödie für die Thirtysomethings zu inszenieren, die weit über die üblichen Zoten hinausgeht. Brachialhumor bietet der Film natürlich trotzdem. Was auch viel Spaß macht.

The International (2009; Tom Tykwer) – Vielleicht Tykwers bester Film bislang. Ehrlich. Eine ausführliche Review findet sich hier.

The Taking of Pelham 1 2 3 (Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3; 2009; Tony Scott) –Immer, wenn ich den Glauben an Tony Scott verliere (und das passiert häufig), legt der Brite wieder einen lupenreinen Genrefilm vor, der zwar nicht das Rad neu erfindet, aber auf prollig-originelle Art seinen Zweck erfüllt. Das ist gewiss kein Kunstkino, aber besser als einiges, was Hollywood dieses Jahr herausgebracht hat. Das Original von 1974 mit dem großartig bärbeißigen Walter Matthau bleibt dennoch der bessere Film.

Il Divo (2008; Paolo Sorrentino) – Il Divo ist vermutlich neben Das Weiße Band der boshafteste Film des Jahres. Sorrentino erzählt die Lebensgeschichte Giulio Andreottis, der an 33 der 50 italienischen Regierungen beteiligt war, lange vor Berlusconi sieben Mal den Posten des italienischen Ministerpräsidenten bekleidete und hier, von Toni Servillo gespielt, ein wenig wie ein hermaphroditischer Zwerg wirkt. Dass Il Divo im Übrigen „Der Göttliche“ heißt, markiert bereits die Fallhöhe. Alleine die Eröffnungsmontage, die von einem House-Song begleitet („Toop Toop“ von Cassius) die bekanntesten Mafia-Morde en detail nachstellt und dazu über Schrifttafeln über Brigate Rosse, die Aldo-Moro-Entführung und den Mord an Giovanni Falcone informiert, ist ein Meisterwerk in sich. Ein eiskalter, bitterer Film, der manchmal wie eine Oper in der Irrenanstalt wirkt. Einer der besten des Jahres.

JCVD (2008; Mabrouk El Mechri) – The Muscles from Brussels in einem selbstreflexiven Film! Alles beginnt mit einer großartigen, ewig langen Plansequenz, die jedes Klischee des 80er-Jahre-Actionfilms aufgreift, um dann mit der totalen Ernüchterung zu enden. Und weil die good old days lange schon vorbei sind, weint Jean-Claude Van Damme später sogar direkt in die Kamera. Er kann wirklich schauspielern!

Che – Part i / Che – Part ii (2008; Stephen Soderbergh) – Soderberghs episches, zweiteiliges Biopic ist mehr Kriegsfilm als Politdrama. Aber damit umgeht der American Independent auch geschickt die Gefahr, Guevara zu verkitschen. Ein sehenswerter Bilderbogen, der in seiner größenwahnsinnigen Herangehensweise eher wie ein Film aus den 1970er Jahren wirkt.

Mesrine - L'ennemi public n° 1 / Mesrine - L'instinct de mort (2008; Jean-François Richet) – Noch ein Dyptichon und noch ein Film, der ästhetisch auf die 1960er und 70er Jahre zurückgreift, die Zeit, als das Kino noch wilde, verrückte Filme en masse vorweisen konnte. Mesrine ist eine rasante Gangsterballade über den französischen Staatsfeind Nr., 1 Jacques Mesrine, perfekt besetzt mit Frankreichs Oberrampensau Vincent Cassell. Der beste europäische Genrefilm des Jahres. Ausgesprochen erfrischend.

Das Weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009; Michael Haneke) – Über Michael Haneke wird dagegen wohl kaum jemand sagen, seine Filme seinen „erfrischend“. Oft produziert Haneke Kopfkino oder Konzeptkunst. Das Weiße Band dagegen hat mich seit Langem wieder für den Regisseur eingenommen, der hier einen dörflichen Mikrokosmos in der Vorkriegszeit erbarmungslos seziert. Das ist nicht unbedingt humanistisches Kino, aber im nahezu ausverkauften Kino herrschte danach einfach nur noch Stille. In Schwarzweiß ist der Film übrigens auch gedreht; etwas, das man heute leider viel zu selten zu sehen bekommt.

OSS 117: Rio ne répond plus (OSS 117 – Lost in Rio; 2009; Michel Hazanavicius) – Auch der zweite der neuen OSS 117-Filme unterhält bestens. Schon die Idee, den erzdummen, oberchauvinistischen, selbstverliebten und rassistischen Anti-Bond auf den Nahostkonflikt anzusetzen, ist großartig, und die Umsetzung sprüht nur so von antifranzösischem Witz. Dass das Ganze von einem Franzosen inszeniert wird und in Frankreich ein begeistertes Publikum findet, belegt die Fähigkeit der Grande Nation, über sich selbst zu lachen.

The Hurt Locker (2009; Kathryn Bigelow) – Trotz einiger Handkamerasperenzchen und überzogenem Testosterongehabe gelingt Bigelow mit The Hurt Locker nicht nur die Rückkehr zur alten Form, sondern auch der beste Film zu Irakkrieg bislang. Intensives, unmittelbares Actionkino mit Charakteren statt Stereotypen.

Bronson (2009; Nicolas Winding Refn) – Refn ist ebenfalls ein alter Bekannter, der u.a. die hervorragende Pusher-Trilogie und Bleeder vorgelegt hat. Im Vergleich dazu ist Bronson schwerere Kost, belegt aber ein weiteres Mal, dass Refn ein Regisseur ist, dessen Karriere man beachten sollte. Eine ausführliche Besprechung findet sich hier. Auf Valhalla Rising, Refns Wikingerfilm, bin ich schon sehr gespannt.

The Wrestler (2009; Darren Aronofsky) – Auch Darren Aronofsky liefert in seinem berührenden und zutiefst menschlichen Drama wie gewohnt Qualität ab. Kritik findet sich hier.

Looking for Eric (2009; Ken Loach) – Dass Ken Loach, der Regisseur von Ladybird Ladybird und Kes, einmal ein Feelgood-Movie inszenieren würde, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Milk (2008; Gus van Sant) – Sean Penn liefert die Schauspielleistung des Jahres ab und beweist, dass er zusammen mit Christian Bale der männliche Schauspieler dieser Generation ist.

Chugyeogja (The Chaser; 2008; Hong-jin Na) – Das Südkoreanische Kino mag sich nach den Höhenflügen der letzten Dekade in einer Krise zu befinden. Solange es jedoch so ausgezeichnete Films Noirs wie diesen vorweisen kann, ist die Talsohle noch weit entfernt.




The In-Between:


Gutes Mittelfeld: Filme, die überraschend besser waren, als angenommen oder die eigentlich gut bis sehr gut waren, denen aber doch irgendetwas fehlte:


Watchmen (2009; Zack Snyder): Ein wahrhaft ambitionierter Film, dem während des Scheiterns dennoch einige ausgezeichnete Momente gelingen. Die Anfangsmontage, in der die Geschichte von den 1950er Jahren ausgehend umgeschrieben wird, war gewiss einer der Momente des Kinojahres.

Zombieland (2009; Ruben Fleischer) – Zombieland überzeugt als Zwitter aus blutigem Horrorfilm und kenntnisreicher Parodie – und zwar im Vergleich zu dem albernen Shaun of the Dead (2004) um Längen. Woody Harrelson ist als stoischer Redneck auf der Suche nach Cremetörtchen sowieso nicht zu schlagen. Der einzige Schwachpunkt ist ähnlich wie in The Hangover ein gezwungener Gastauftritt. Wie der Cameo von Mike Tyson in Phillips’ Film nimmt der Gastauftritt von Bill Murray (der nur noch als Zitat seiner selbst aufzutreten scheint), zuviel Raum ein, führt zu nichts und nimmt das Tempo aus dem Film. Schade.

13 Semester (2009; Frieder Wittich): Überraschenderweise war 2009 ein gutes Komödienjahr. Neben Fatih Akins melancholischem Soul Kitchen und dem großartigen The Hangover beweist 13 Semester nicht nur Gespür für Timing, sondern auch viel aufrichtige Sympathie für seine Figuren. Das kommt gänzlich ohne die Neigung deutscher Komödien zum Denunziatorischen aus (vergleiche etwa Bully Herbigs und Til Schweigers verklemmte Schwulenwitze). Ansonsten nur ein Satz: „The early bird catches the worm!“

Soul Kitchen (2009, Fatih Akin): Fatih Akin dagegen überspannt mit Soul Kitchen den Bogen etwas. Die durch ein kulinarisches Aphrodisiakum ausgelöste Orgie hätte es z.B. wirklich nicht gebraucht. Aber davor bemerkt man doch erfreut, dass sich hier endlich mal jemand in Deutschland von der traditionellen Elendskomödie Italiens inspirieren lässt, zudem das Lokalkolorit Hamburgs kongenial einzusetzen weiß (ein Happy End musste leider doch sein). Und wer schon einmal in einer Kneipe oder der Gastronomie gearbeitet hat, wird seinen Spaß haben.

Gomorra (2008; Matteo Garrone) – Wie in Il Divo spielt Toni Servillo eine Hauptrolle und doch erweist sich Matteo Garrones Film gegenüber dem geradezu postmodernen Il Divo als sehr viel nüchterner. Das liegt insbesondere an seinem semi-dokumentarischen Gestus. Die episodischen Geschichten über kleine und mittelgroße Mafiosi, die ihre Verbrechen als rationales Business organisieren, zermürbt und erschüttert. Doch so wichtig der Film auch sein mag, Sorrentinos Zugang zu dem Thema gefiel mir wesentlich besser.

Fu Chou / Vengeance (2009; Johnnie To) – Johnny Hallyday goes East: Einen französischen Chef, in einem früheren Leben Profikiller, verschlägt es nach Macao, wo er wieder zur Waffe greifen muss – aus Rache versteht sich. Wie üblich bei To kreist alles um Essen, Töten und die meditative Ruhe vor dem Sturm. Nichts wirklich Neues, aber kein Jahr wäre wirklich komplett ohne einen Film des asiatischen Action-auteur.

A Serious Man (2009; Joel & Ethan Coen): Der Prolog ist herrlich verschroben und boshaft, aber die eigentlich Geschichte des Films hat mich dann doch eher kalt gelassen. Tatsächlich kann ich mit den Coens in den letzten Jahren immer weniger anfangen, zumindest längst nicht mehr soviel wie früher. Vielleicht liegt das daran, dass das Coen-Universum nur noch um die gleichen Pole kreist und sich die Masche nach mehr als einem Dutzend Filmen deutlich abgenutzt hat. Hinzu kommt, dass die letzten Filme oft sehr grausam zu ihren Figuren waren. Der Coen-Protagonist der letzten Jahre (in Burn after Reading, No Country for Old Men und A Serious Man) ist meist ein Trottel, der sich durch sein Handeln als aussichtsreicher Anwärter auf den Darwin Award für besonders blödes selbstverschuldetes Ausscheiden aus dem menschlichen Genpool qualifiziert. Es sind Jammerlappen, die in ihrer kleingeistigen Trübheit verdämmern und von den allmächtigen Drehbuchautoren je nach Lust und Laune mittels Mord, Krebserkrankung oder als Folge eines dummen Zufalls unsanft aus der Storyline befördert werden. Trotzdem sehe ich mir jeden neuen Film des boshaften Brüderpaares an und letztlich sind sie doch immer einen Blick wert, manchmal auch einen zweiten oder dritten (wie im Fall von No Country for Old Men).

Doubt (Glaubensfrage; 2008; John Patrick Shanley) – trotz des wie immer hervorragenden Philip Seymoure Hoffman ein sehr puritanischer Film.

Crank 2 – High Voltage (2009; Mark Neveldine und Brian Taylor): Der zweite Crank-Film ist sehr, sehr geschmacklos, wirkt mitunter auch gezwungen in seiner Neigung zur Grenzüberschreitung. Kurzweilig ist das Ganze aber schon.

Jennifer’s Body (2009; Karyn Kusama): Ja, was war denn das? Zwischen Adoleszenzdrama und Exploitationfilm angesiedelt, ist das ein merkwürdiger kleiner Bastard geworden, der nicht ganz die hohen Erwartungen einlöst, sich aber als innovativer erweist als das x-te Remake eines altbekannten Stoffs.

Män som hatar kvinnor (Verblendung; 2009; Niels Arden Oplev): Die Verfilmung des ersten Romans von Stieg Larssons Millennium-Trilogie ist durchaus gelungen. Aber irgendwie blieb doch ein schaler Geschmack zurück. Lag’s an der Fernsehoptik des überlangen Streifens? Oder an der übermäßigen Gewalt gegen Frauen? Vielleicht auch am Serienmörderplot, der hier – im Gegensatz zum Roman – arg überzogen wirkt? Vielleicht. Andererseits ist kompetent gemachtes europäisches Genrekino immer zu begrüßen. Mal sehen, was der zweite und dritte Teil bieten.

12 Meter ohne Kopf (2009; Sven Taddicken): À propos europäischer Genrefilm: einen deutschen Piratenfilm gab es 2009 auch. Leider war das Ergebnis etwas durchwachsen und wollte zuviel gleichzeitig. Aber immerhin ist 12 Meter ohne Kopf sehr gut ausgestattet, ansprechend gefilmt, mit guten Schauspielern besetzt und durchaus unterhaltsam. Eine Kritik dazu findet sich hier: Link.




The Neither/Nor: Des Weiteren (in keiner besonderen Reihenfolge) Mittelmäßiges, Vermurkstes, Durchwachsenes:


Felon (2008; Ric Roman Waugh); Killshot (2009; John Madden); RocknRolla (2008; Guy Ritchie); The Strangers (2008; Bryan Bertino); Transporter 3 (2009; Olivier Magaton); W. (2008; Oliver Stone); Beyond a Reasonable Doubt (2009; Peter Hyams); In the Electric Mist (2008; Bertrand Tavernier); What doesn't kill you (2008; Brian Goodman); Joheunnom nabbeunnom isanghannom (The Good, The Bad, The Weird; 2008; Ji-woon Kim); The Escapist (2008; Rupert Wyatt); Clubbed (2008; Neil Thompson); 9 to 5 - Days in Porn (2008; Jens Hoffmann) – Alle nicht ganz schlecht, nicht richtig gut.



The Bad, the Boring, and the Disgusting:


Vom unteren Mittelfeld bis zum Bodensatz: Vielversprechendes, das letztlich doch enttäuschte; insgesamt misslungene Filme mit bestenfalls guten Momenten; Konfektionsware von Regisseuren, denen nichts Neues mehr einfällt – und ganz einfach schlechte Filme:


Horsemen (2009; Jonas Åkerlund): Schrecklich klischeehaft, vorhersehbar und konstruiert. Ästhetisch zudem eine 180-Grad-Kehrtwende gegenüber dem rasanten Erstling Spun von 2003.

Angels & Demons (Illuminati; 2009; Ron Howard): Selten habe ich mich so gelangweilt im Kino, von den blödsinnigen Verschwörungstheorien gar nicht zu reden. Einige schöne Aufnahmen, aber alles in allem schrecklicher Mist.

Antichrist (2009; Lars von Trier): Die Eingangssequenz ist weiß Gott brillant gefilmt und einer der eindruckvollsten Momente des Kinojahres 2009. Von da ab ging es leider nur noch bergab, bis in die Untiefen des prätentiösen Pseudo-Kunstkinos, inklusive der Hexenverbrennung am Ende. Aber vermutlich hat Trier, der alte Misogynist, das öffentliche Bild von sich als Frauenfeind nur ironisieren wollen. Als ich am Ende das Kino verließ, fühlte ich mich jedenfalls ziemlich verarscht.

Brüno (2009; Larry Charles): Im Gegensatz zu dem durchaus lustigen Borat hat sich die Methode Sacha Baron Cohen ausgereizt. Wenn am Ende die Popwelt inklusive Elton John aufmarschiert und ein fröhliches Liedchen gegen Homophobie trällert, zeigt sich, wie handzahm und kalkuliert das Ganze geworden ist. Dass sich diesmal im Gegensatz zum Vorgänger niemand wirklich aufregt, verwundert kaum. Subversion sieht anders aus.

Case 39 (2009; Christian Alvart): Der ehemalige Herausgeber der X-Tro versucht sich am Genrekino. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Case 39 ist leider ein Beispiel für letztere Kategorie. Eine ausführliche Besprechung von mir findet sich in der Splatting Image oder hier.

Coraline (2009; Henry Selick): Nach einem vielversprechenden Anfang, macht sich Ernüchterung breit. Irgendwie … indifferent.

Miracle at St. Anna (2008; Spike Lee): Ich bin ein erklärter Spike-Lee-Fan, aber den Film konnte ich einfach nicht zu Ende sehen. Prätentiös, historisch inakkurat, kitschig. Vielleicht gebe ich ihm irgendwann noch eine Chance.

Religulous (2008; Larry Charles): Eine „Doku“ über den „aufklärerischen“ Commedian Bill Maher, der genauso predigt, wie die religiösen Spinner, denen er vorhält, dass sie religiöse Spinner sind. As funny as kicking a dead dog.

Pride and Glory (2008; Gavin O'Connor): So viele gute Schauspieler, so viele Klischees.

Terminator Salvation (2009; McG): „McG“, der bereits die unerträglichen Charlie’s Angels-Filme verbrochen hat, auf das Terminator-Franchise loszulassen, ist, gelinde gesagt, eine überraschende Wahl. Daran gemessen macht er seinen Job fast schon wieder gut, wobei einige der Actionsequenzen ansprechend inszeniert sind. Ansonsten aber wartet der Film mit ausgesprochen hirnrissigen Dialogen, gigantischen Plot-Löchern und Logikfehlern auf. Selbst Christian Bale spielt erschreckend schlecht und starrt vor allem griesgrämig vor sich hin. Vermutlich die schlechteste High Budget-Produktion des Jahres.

Gamer (2009; Mark Neveldine und Brian Taylor): Jo mei, Jungskino halt. Höchstenfalls die wirklich düstere Zukunftsfantasie fällt etwas aus dem Rahmen. Sonst aber nicht Fisch, nicht Fleisch. Nach der Godzilla-Sequenz in Crank 2 – High Voltage gelingt es Neveldine und Taylor diesmal, eine Musical-Sequenz in ihrem filmischen Flickenteppich unterzubringen. Immerhin. Eine Kritik von mir findet sich hier.

Saw VI (2009; Kevin Greutert): Jede Gesellschaft bekommt die Filme, die sie verdient hat. Bei Filmen wie Saw VI kann man zum Pessimisten werden.

Law Abiding Citizen (Das Gesetz der Rache; 2009; F. Gary Gray): Wer einen guten Selbstjustizfilm sehen will, sollte sich den britischen Harry Brown ansehen: Der 76-jährige Michael Caine ist immer noch zehn Mal cooler als dieser überflüssige und überkonstruierte Blödsinn.

The Proposal (Selbst ist die Braut; 2009; Anne Fletcher): Manchmal packt einen die Lust nach harmloser Mainstream-Unterhaltung, die wenigstens kompetent gearbeiteten Eskapismus bietet. The Proposal ist der falsche Film dafür. Er leistet nicht einmal das.



Leider Verpasst:


District 9 (2009; Neill Blomkamp); Fantastic Mr. Fox (2009; Wes Anderson); Los abrazos rotos (2009; Pedro Almodóvar); The Imaginarium of Doctor Parnassus (2009; Terry Gilliam); The Informant! (2009; Steven Soderbergh); Låt den rätte komma in (So finster die Nacht; 2008; Tomas Alfredson); Bad Lieutenant - Port of Call – New Orleans (2009; Werner Herzog); Bakjwi / Thirst (Durst; 2009; Chan-Wook Park); Where the Wild Things are (Wo die Wilden Kerle wohnen; 2009; Spike Jonze); Ai no Mukidashi / Love Exposure (2008; Shion Sono)




Samstag, 26. Dezember 2009

Kinky, Kinky! Lucio Fulcis UNA SULL'ALTRA



Una sull’altra
(Perversion Story aka Nackt über Leichen) – I-F-E 1969 – Regie: Lucio Fulci – Kamera: Alejandro Ulloa – Produktion: Edmondo Amati, Maurizio Amati (Empire Films; Productions Jacques Roitfeld; Coop. Trébol Films) – Schnitt: Ornella Micheli – Drehbuch: Lucio Fulci (auch Story), Roberto Gianviti (auch Story), José Luis Martínez Mollá – Musik: Riz Ortolani – Darsteller: Jean Sorel (Dr. Geroge Dumurrier), Marisa Mell (Susan Dumurrier / Monica Weston), Elsa Martinelli (Jane), Alberto de Mendoza (Henry Dumurrier), John Ireland (Inspector Wald), Lucio Fulci (Graphologe) u.a. – FSK: 16, nicht feiertagsfrei – Länge: 99 min. – Erstaufführung Italien: 15.08.1969, deutsche Erstaufführung: 24.09.1971

Lucio Fulci war in allen Genres zuhause. Der 1927 in Rom geborene Regisseur drehte von den späten 1950er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1997 über 50 Filme. Darunter waren so bodenständig-biedere Werke wie die Heinz-Rühmann-Komödie
Operazione San Pietro (Die Abenteuer des Kardinal Braun; 1967), Italowestern wie der solide Rache-Western Tempo di massacro (Django – Sein Gesangbuch war der Colt; 1966) und der geradezu delirierende I Quattro dell’apocalisse (Verdammt zu leben – verdammt zu sterben; 1975), der retrospektiv wie der letzte Geisterhauch des Genres in Europa wirkt. Hinzu kommen eher auf ein bäuerlich-proletarisches Publikum ausgerichtete Genreparodien mit dem in Italien äußerst populären Komikerpaar Ciccio Ingrassia und Franco Franchi, etwa die Filme über den Agenten „002“, die nicht nur die James-Bond-Serie, sondern auch die Welle der „Eurospy“-Thriller veralberten, sowie Abenteuerfilme nach Jack London, Thriller, Endzeitfilme und Gangsterfilme. Und, natürlich, die blutrünstigen Horrorfilme, für die der Regisseur außerhalb Italiens wohl am Besten bekannt ist. Zwar belegen diese Filme Fulcis sicheres Gefühl für Atmosphäre (egal wie hundsmiserabel die Schauspieler agieren und wie billig die Spezialeffekte sind). Sie schrecken aber zugleich vor kaum einer Scheußlichkeit zurück, sondern bieten sie im offensiven Zeigegestus dar: In L’aldila (Geisterstadt der Zombies; 1981), Fulcis vielleicht schönstem Horrorfilm, dem Dietmar Dath mit Die salzweißen Augen (2005) eine Hommage erwies, durften die wohl unglaubwürdigsten Plastik-Vogelspinnen der Filmgeschichte eine menschliche Zunge zerfleischen (!) und einem Unglückseligen die Augen herausreißen (!), in Paura nella città die morti viventi (Ein Zombie hing am Glockenseil; 1980) erbrach eine Protagonistin gleich ihre eigenen Gedärme, was dramaturgisch zwar eher sinnlos war, aber als Zirkus-Attraktion dargeboten in sich seinen eigenen Wert besaß.

Fulci war zuvorderst Genreregisseur; ein Filmemacher, der seine Filme für das Publikum und nicht für die Kritiker drehte. Und da er nicht selten das Publikum in den zweit- und drittklassigen Kinosälen im Auge hatte, war er bestrebt, die thrills zu liefern, nach denen es diesem verlangte, also vor allem Sex & Crime bzw. kiss kiss, bang bang. Mit dem Niedergang der Terza visione-Kinos Ende der 70er Jahre, dem Anstieg der durchschnittlichen Eintrittspreise und dem damit einhergehenden Verschwinden eines bestimmten Stils des Populär- und Genrekinos in Italien, wandelte sich im zeitlichen Abstand auch die Rezeption von Fulcis Filmen. Heute befinden sich – nicht nur in Italien – auch einige Akademiker unter seinen Fans. Und einige seiner Filme sind es durchaus wert, noch einmal gesehen zu werden.


Una sull’altra (1967), von dem in den USA bei dem Label „Severin“ eine gute DVD-Edition erscheinen ist, ist einer dieser Filme und zählt doch zu den eher unbekannten Werken des Regisseurs. Das liegt vielleicht daran, dass er weder Western noch Horrorfilm ist und damit vordergründig etwas aus dem Œuvre des Maestro fällt. Am ehesten lässt sich der Film als Hybrid aus den in Italien zeitweise populären „Film sexy“ und den Gialli bezeichnen, ohne jedoch mit blutigen Morden im Stil Dario Argentos oder Sergio Martinos aufzuwarten. Der Originaltitel verspricht bereits Schlüpfriges und könnte übersetzt werden mit „Eine auf der Anderen”. Der (aktuelle) US-amerikanische Verleihtitel ist noch weniger subtil: Er kündigt gleich eine „Perversion Story“ an, in Deutschland erschien Una sull’altra unter dem spekulativen Dada-Titel „Nackt über Leichen“. Der Plot ist schnell erzählt: Die Ehe des wohlhabenden Arztes George Dumurrier (Jean Sorel) mit der kränklichen Susan (Marisa Mell) befindet an einem Tiefpunkt. Als Susan unter mysteriösen Umständen stirbt, gerät der notorisch untreue Ehemann schnell unter Verdacht. Nach dem Tod seiner Frau lässt sich George im Rotlichtbezirk von San Francisco treiben und lernt dabei eine Stripperin kennen, die seiner verstorbenen Frau wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Als weitere Indizien auftauchen, die nahelegen, dass George seine Frau ermordet hat, wird er zum Tode verurteilt. Im letzten Moment kommt ihm der Zufall zu Hilfe ...



Was Una sull’altra heute äußerst reizvoll macht, sind seine manieristischen, extrem überzogenen und oft verblüffenden Stilismen, die ausdrücklich nicht im Dienst eines realistisch-glaubwürdigen filmischen Erzählens stehen. So richtet Fulci eine Vielzahl explizit antinaturalistische Kameraperspektiven ein. Da wäre etwa der „unmögliche“ Blick der Kamera aus einem Kühlschrank heraus auf die Protagonisten; ein irritierend künstlicher Moment, wie er im US-amerikanischen Kino erst mit Filmen wie Blood Simple (1984) von den Coen-Brüdern etabliert wird. In einer anderen Szene blickt die Kamera dann tatsächlich aus dem Fußboden eines Appartements heraus auf die Figuren hinauf, also über eine im Boden des Studios eingelassene Glasplatte. In einer anderen Sequenz wird ein Liebespaar beim Akt durch einen filigranen Stoff gefilmt. Immer wieder verzerren Weitwinkel die vertikalen Linien am Rand des Blickfelds, häufig wird das Geschehen durch Spiegel gefilmt, schnelle Zooms gegen etablierte Sehkonventionen gerichtet eingesetzt und subjektive Einstellungen verwendet, die bisweilen mit Handkamera gefilmt sind. Eine Obduktionssequenz realisiert Fulci mittels Splitscreen, wobei in den einzelnen frames dekorativ Glaskolben und Destillierutensilien drapiert sind, in denen Flüssigkeiten in allen Farben des Regenbogens brodeln. Immer wieder werden Bilder streng in zwei Ebenen von gleicher Größe geteilt, mit einer Großaufnahme in der einen und einer Halbtotalen in der anderen Hälfte. Teilweise nutzen Fulci und sein Kameramann Alejandro Ulloa dafür wie Orson Welles und Gregg Toland in Citizen Kane (1941) geschliffene Linsen. Das hierarchisiert die Bilder, veräußerlicht Machtverhältnisse, die sich doch oft als trügerisch erweisen. Am Ende des Films steht dann eine recht konventionelle Auflösung, bei der der tragische, zu unrecht zum Tode verurteilte Ehebrecher ironischerweise durch ein Verbrechen aus Leidenschaft gerächt wird. Aber auch hier gelingt Fulci eine nachhaltige Irritation: Unser Held verschwindet kurz vor dem Ende des Films vollständig aus dem Film. Das letzte Mal erblicken wir George, nachdem er die Gaskammer betreten hat. Dass er überlebt hat, erfahren wir nur aus dem Radio. Das untergräbt das, nun ja, „Happy-End“ des Films und irritiert nachhaltig: Der Protagonist mag nicht tot sein, aber seine vollständige Abwesenheit wirkt doch deutlich gegen die Konventionalität der Auflösung. In einer gewissen Weise ist der untreue Ehemann zumindest im filmischen Raum mit dem Schritt in die Gaskammer gestorben.



Tatsächlich ist Una sull’altra längst nicht so low-brow, wie man zunächst annehmen mag. Insbesondere filmische Querverweise bringt Fulci mit geradezu postmodernem Selbstbewusstsein ein. Da sind etwa die Referenzen auf Michelangelo Antonionis Blow up (1966), wenn die Geliebte des Helden, eine Fotografin, im Atelier Sexbilder im Popart-Stil anfertigt und wie David Hemmings blasierter Fotograf ein Modell beim Fotoshooting verführt. Aus Hitchcocks Universum kommt natürlich der unschuldig verurteilte Held, der selbst lange ambivalent bleibt. Die Bezüge auf einen von Hitchcocks bekanntesten Klassikern sind besonders auffällig, ganz offensichtlich im Handlungsort San Francisco und in der Montage halluzinatorischer Tagtraumsplitter, in denen dem Protagonisten beim Sex mit der Doppelgängerin seiner Frau die bleiche, vermeintlich tot aufgebahrte Ehefrau erscheint. Sieht man von den etwas aufgesetzt wirkenden Sexszenen, der eher zahmen lesbischen Verführungssequenz mit sadomasochistischen Untertönen und den Besuchen in Stripclubs ab, wird offensichtlich, dass Fulci tatsächlich eine italienisierte Sexploitation-Variante von Vertigo (1958) gedreht hat.



Donnerstag, 10. Dezember 2009

Eastern/Western: Ferdinando Baldis BLINDMAN



blindman
/ il cieco / blindman, der vollstrecker – Italien-USA 1971 – Regie: Ferdinando Baldi – Produktion: Tony Anthony, Allen Klein, Saul Swimmer – Story: Tony Anthony – Buch: Tony Anthony, Pier Giovanni Anchisi, Vincenzo Cerami – Kamera: Riccardo Pallottini – Musik: Stelvio Cipriani – Darsteller: Tony Anthony („Blindman”), Ringo Starr („Candy”), Lloyd Battista („Domingo”), Magda Konopka („Sweet Mama”), Raf Baldassarre (mexikanischer General), Agneta Eckemyr u.a. – Länge: 105 Min. – Format: Techniscope, 2.35:1 – Deutsche Erstaufführung: 08.06.1972 – DVD von Koch Media (ungekürzt, im Originalformat, inklusive Bonusmaterial und Originalfassung mit Untertiteln)


Die Idee, als Protagonisten eines Western einen blinden Revolvermann einzusetzen, dürfte eine der abstrusesten Ideen in der Geschichte des Genres sein. Und entsprechend verwundert es kaum, dass sich hinter dem programmatischen Titel blindman kein US-amerikanischer Genrebeitrag verbirgt, sondern ein im Wesentlichen italienisch finanzierter Western. Die Idee für diesen Film kam dem Team um Hauptdarsteller / Koproduzenten / Koautoren Tony Anthony vermutlich während der Dreharbeiten von lo straniero di silenzio aka the silent stranger (Der Schrecken von Kung-Fu; 1968), dem ersten Italowestern, der nicht nur in Japan gedrehte wurde, sondern auch thematisch den Chambara mit dem Western all’italiana kombinierte. Dabei besitzt Japan eine lange Tradition von Genrefilmen über den blinden Samurai (und Masseur) Zatôichi, die bis heute mehr als zwanzig Filme hervorgebracht hat und das unmittelbare Vorbild zu Ferdinando Baldis blindman darstellt.


Tatsächlich begann Ende der 1960er / Anfang der 70er Jahre auch das asiatische Kino zunehmend auf die Italowestern zu reagierten. In zatôichi to yôjinbô (Zatoichi meets Yojimbo; 1970), dem zwanzigsten Film der zatôichi-Serie, verwies die Bestellung von vier Särgen nicht mehr nur auf Kurosawas yojimbo (1961), sondern auch auf die entsprechende Szene aus dem europäischen Remake per un pugno di dollari (Für eine Handvoll Dollar; 1964; R: Sergio Leone). Einflüsse des Italowestern auf die japanische kozure ôkami-Serie (1972ff.), die Hong-Kong-Produktionen der Shaw Brothers und ihrer Konkurrenzfirma Golden Harvest sowie auf John Woos kinetische Gewaltballette und Tsui Harks Wuxia-Filme sind ebenfalls unverkennbar. So zitierte z.B. Bruce Lees in Rom gedrehte Regiearbeit meng long guo jiang (Die Todeskralle schlägt wieder zu; 1972) mehrfach musikalisch c’era una volta il west (Spiel mir das Lied vom Tod; 1968; R: Sergio Leone). Filme wie zhan shen tan (Die Todesbucht der Shaolin; 1973) verwiesen explizit auf Leones „Dollar“-Trilogie und Lung Chiens tang ren piao ke (Wang Yu – Stärker als 1000 Kamikaze; 1973) verwendete etwa Morricones Titelthema von il buono, il brutto, il cattivo (Zwei glorreiche Halunken; 1966). Besonders die Hong-Kong-Produktionen der 60er und 70er Jahre integrierten internationale Einflüsse. Das Shaw-Studio, das ab Mitte der 50er Jahre Musicals, Melodramen, Opern-Adaptionen, Martial-arts- und Wuxia-Filme produzierte, begann Ende der 60er Jahre, sich an internationalen Mischformen zu beteiligen. Die Filme von Chang Cheh und King Hu übernahmen z.B. Motive aus dem japanischen Genrekino und dem Western all'italiana, darunter die übertriebenen Sound-Effekte, neue Kamera- und Schnitttechniken und den Einsatz des Zooms. Parallel dazu entstanden in Italien Westernmixturen mit japanischen Schauspielern, z.B. Tonino Cervis oggi a me ... domani a te (Heute ich, morgen du; 1968) mit Tatsuya Nakadai, dem Schurken aus yojimbo, und Terence Youngs soleil rouge / sole rosso (Rivalen unter roter Sonne; 1971) in dem Charles Bronson, Toshirô Mifune und Alain Delon die Hauptrollen übernahmen. Anfang der 70er Jahre erschienen weitere Italowestern-Martial-arts-Kreuzungen, etwa il mio nome è shangai joe (Der Mann mit der Kugelpeitsche; 1972) und che botte, ragazzi (Zwei durch dick und dünn; 1975). Die Shaw Brothers, zu dieser Zeit auch an Koproduktionen mit dem britischen Hammer Studio beteiligt, produzierten bald italienisch-chinesische Gemeinschaftsprojekte wie là dove non batte il sole (The Stranger and the Gunfighter; 1974) mit Lee Van Cleef und Lieh Lo, Golden Harvest finanzierte ähnliche Hybride.


Der von der zatôichi-Reihe inspirierten blindman ist also zumindest im Hinblick auf seine Genese nicht so ungewöhnlich, wie er zunächst erscheinen mag. Er ist auch keine unmittelbare Fortsetzung der „Stranger“-Filme, die der ehemalige Method actor Tony Anthony zuvor mit Luigi Vanzi inszeniert hat (neben lo straniero di silenzio erstellte das Team die minimalistischen Low-Budget-Western un dollaro tra i denti [Ein Dollar zwischen den Zähnen; 1967] und un uomo, un cavallo, una pistola [Western Jack; 1967]). Zwar hat Anthonys Protagonist hier wie in den Vorgängerfilmen keinen Namen. Doch schon in seiner Kleidung unterscheidet sich der blinde Revolverheld, der für 50 000 Dollar die Aufgabe übernommen hat, 50 Katalogbräute (!) durch die Wüste zu treiben und diese an eine Gruppe texanischer Bergarbeiter abzuliefern: Statt des abgerissenen Stetson des „Strangers“ trägt Anthony diesmal ein Ungetüm auf dem Kopf, das ein wenig wie ein geschmolzener, brauner Zimmermannshut aussieht und zusätzlich mit einem kleinen Patronengurt versehen ist. Auch das rosa Hemd, der Poncho und die schwarze Mähre der Vorgängerfigur fehlen. Stattdessen hat er nun ein Blindenpferd, einen behindertengerechten Kompass, einen zerschlissenen Duster und ein Repetiergewehr mit Bajonettaufsatz, das ihm als Blindenstock dient.



Ähnlich wie der „Stranger“ ist der Protagonist ein alles andere als souveräner Held und wird kaum je von seiner Umwelt ernst genommen. Überhaupt ist der Plot als weitgehend sinnfreie Abfolge von Demütigungen und Vergeltungsaktionen angelegt. Schon als wir den Blinden kennenlernen, haben ihn seine Partner übers Ohr gehauen und der Anblick, wenn er am Schwanz seines Pferdes festgeklammert in eine Stadt einzieht, ist einfach nur erbärmlich. Zwar kann der Blinde die Männer, die ihm die Frauen gestohlen haben (gespielt vom Beatles-Produzenten Allen Klein und dem Beatles-Roadie Mal Evans), in die Luft sprengen. Die 50 Frauen jedoch befinden sich mittlerweile in der Gewalt des psychotischen Banditen Domingo (Lloyd Battista), seines debilen Bruders Candy (Ringo Starr [!] in seiner einzigen Westernrolle) und ihrer sadistischen Schwester Sweet Mama (Magda Konopka). Zusammen mit der Dorfschönheit (Agneta Eckemyr) und einem mexikanischen General (Raf Baldassarre) kann „Blindman“ zwar Domingo und Konsorten ausschalten, am Ende werden ihm die Frauen allerdings von dem Mexikaner geraubt. Wie in Vanzis vorangegangenen Anti-Western ist der Held am Ende der Verlierer.


Anthony beschrieb seine Rolle einmal als einen eher alltäglichen Helden: „He’s not your typical gunslinger. He’s more of an existential hero […]. I never wanted to be a superhero; I felt audiences could relate to me as someone in the street.” Tatsächlich dürften der Schauspieler und sein Regisseur Baldi mit diesem Film den wohl verletzlichsten Italowestern-Protagonisten erschaffen haben. Der Film nimmt sich erstaunlich viel Raum, das Handikap des Blinden ins Bild zu setzen, etwa wenn er mühsam ein Hotelzimmer bezieht oder ohne sein Gewehr und Pferd hilflos herumirrt. Letztlich ist blindman aber vor allem ein groß angelegter Action-Western, der aufgrund des enormen Budgets mit einigen beeindruckenden Massenszenen und guten Sets aufwarten kann, durch die die bizarren Elemente des Films noch stärker zum Tragen kommen. Das Prinzip beschrieb Anthony einmal als: „Everything was exaggerated, then played straight”. So bewohnen die baddies etwa ein mittelalterliche Schloss, das Gros der Bande wirkt weniger wie Mexikaner, sondern eher wie eine Kreuzung aus Hippies und Heavy-Metal-Barbaren. Ansonsten erweist sich Baldi als Meister im Einrichten mehr oder weniger metaphorischer Kastrationsbilder. Als der Blinde mit „Sweet Mama“ kämpft, beißt diese ihn z.B. zwischen die Beine. Nachdem er ihr mit seinen Schenkeln das Genick gebrochen hat (!), kommentiert er schockiert: „Being without eyes is one thing, but without that … whew!“ Das Thema Nekrophilie wird ebenfalls gestreift, wenn die Dorfschönheit in einer groß angelegten Hochzeitsszene gezwungen werden soll, den mittlerweile toten Candy zu heiraten. Die ausführliche Sequenz, in der die 50 Frauen dann nackt in einer riesigen Waschküche zum Verkauf zurechtgemacht und dazu eimerweise mit Wasser übergossen werden, atmet ähnlich wie die Sequenz, in sie halbnackt durch die Wüste getrieben werden, den Geist niedersten Exploitation-Kinos.


In den USA wurde der für 1,3 Millionen Dollar gedrehte und von den Kritikern einhellig verrissene Film kein überragender Erfolg. Ein Rezensent (Donald Mayerson) beklagte die „excessive, pointless, and sadistic violence, as well as [a penchant for] undraping women in the most humiliating way”. Dem kann man kaum widersprechen, insbesondere da genau dies das Ziel der Filmemacher gewesen sein dürfte. Außerhalb der USA spielte der Film allerdings über 15 Millionen ein und wurde ein enormer kommerzieller Erfolg. In der pakistanischen Großstadt Karatschi lief er angeblich sogar sechs Monate ununterbrochen in einem stets ausverkauften Kino. Heute ist er ein Kuriosum aus einer Zeit, in der in Europa Genrefilme am Fließband hergestellt wurden, die trotz ihrer oft kruden Plots handwerklich erstaunlich gut gearbeitet sind und als Unterhaltungsfilme äußerst effektiv funktionieren.



Sonntag, 29. November 2009

Out now: Sergio Leone bei Bertz + Fischer!



Seit etwa zwei Wochen ist mein Leone-Buch erschienen und endlich lieferbar!

Wer sich einen ersten Eindruck von dem Buch verschaffen will, kann auf der Seite meines Verlages das Inhaltsverzeichnis und ein Probekapitel lesen.

Zum Buch:

Sergio Leone (1929-1989) war einer der bedeutendsten Regisseure des italienischen Nachkriegskinos. Sein Werk nimmt sowohl im Hinblick auf seine künstlerische Qualität und seinen enormen Einfluss auf das italienische Genrekino als auch in Anbetracht seiner überragenden kommerziellen Erfolge eine Sonderstellung ein. Schon Leones zweite Regiearbeit, der Western per un pugno di dollari (für eine handvoll dollar; 1964), avancierte trotz des äußerst geringen Budgets schnell zu einem der erfolgreichsten Nachkriegsfilme Italiens und zog eine Welle von über 500 italienisch-europäischen Westernproduktionen nach sich, die gleichzeitig Höhe- und Endpunkt des „ökonomischen Wunders“ des italienischen Nachkriegskinos markierten. Auch nach seinem ersten Erfolg blieb Leone dem Genrekino treu: per un pugno di dollari ließ er vier weitere Western all´italiana nachfolgen und mit once upon a time in america (es war einmal in amerika; 1984), seiner einzigen maßgeblich US-amerikanisch finanzierten Produktion, widmete er sich dem Gangsterfilm.

Das vorliegende Buch liefert eine hermeneutische Analyse von Leones Œuvre inklusive ausführlicher Filmanalysen von il colosso di rodi (der koloss von rhodos; 1961) bis once upon a time in america (1984). Dabei werden in den Einzelanalysen kulturelle Aspekte des jeweiligen Entstehungskontextes sowie die zeitgenössische Rezeption berücksichtigt und die Filme in ihren jeweiligen Genrekontext eingeordnet – vom Peplum und den Varianten des Western all´italiana bis zum Gangsterfilm. In werkübergreifenden Kapiteln werden des Weiteren Aspekte des filmindustriellen transatlantischen Kulturtransfers dargestellt, die Genderdiskurse in Leones Filmen herausgearbeitet und die besondere Bedeutung von Ennio Morricones Filmmusik insbesondere für c’era una volta il west (spiel mir das lied vom tod; 1968) dargestellt. Abschließend wird Bildgestaltung und Montage von Leones Filmen sowie der immense Einfluss seines Werks auf Filmproduktionen bis in das Gegenwartskino hinein untersucht.


Montag, 19. Oktober 2009

Update: Sergio Leone – Es war einmal in Europa


Ein kurzes Update zu meinem Sergio-Leone-Buch, das im Bertz + Fischer-Verlag erscheint: Die letzten Korrekturen sind umgesetzt und heute Morgen sind die Druckfahnen an die Druckerei geschickt worden. In ca. drei Wochen wird mein Buch dann endlich in der Buchhandlung eures Vertrauens erhältlich sein!
Auf 400 Seiten und mit 363 Fotos anschaulich bebildert finden sich Analysen aller Regiearbeiten Leones, biografische Informationen, die bislang ausführlichste Filmografie Leones sowie detaillierte Abhandlungen zum visuellen Erzählen Leones, seinem Einfluss auf gegenwärtige Regisseure und zur Filmmusik Ennio Morricones.
Viel Spaß beim Lesen!


Dienstag, 13. Oktober 2009

Who can kill a child? - CASE 39


Case 39 – USA 2009Regie: Christian AlvartBuch: Ray WrightKamera: Hagen BogdanskiProduzenten: Steve Golin, Kevin MisherMusik: Michl BritschSchnitt: Mark GoldblattDarsteller: Renée Zellweger, Jodelle Ferland, Ian McShane, Kerry O’Malley, Callum Keith Rennie, Bradley Cooper, Crystal Lowe u.a.

Dem amerikanischen Horrorfilm sind die Ideen ausgegangen. Die Liste der offenen und verdeckten Remakes, der Sequels und Prequels, Relaunches und Updates bekannter Stoffe in den letzten Jahren ist endlos. Aus der Masse der kulturindustriellen Kopien stechen als vergleichsweise originäre Spielart bestenfalls die oft als „torture porn“ abgeurteilten Varianten heraus, die Hostel-Filme von Eli Roth und die Saw-Reihe etwa. Auf der Suche nach neuen Stoffen hat Hollywood auf asiatische und europäische Genreinnovatoren wie Ryûhei Kitamura (The Midnight Meat Train; 2008) und Alexandre Aja (Mirrors; 2008) zurückgegriffen. Mit Christian Alvart durfte sich nun auch ein weiterer deutscher Regisseur für die Paramount an einem Horrorfilm versuchen, die abgesehen von Marcus Nispels Friday the 13th-Remake in den letzten Jahren kaum Genreproduktionen vorzuweisen hat.

Herausgekommen ist auch hier nur ein Potpourri bekannter Motive und mehr oder weniger gelungener Reminiszenzen als ein neuer Impuls für das Genre, das aktuell in Frankreich reüssiert. Wie in The Omen (Das Omen; 1976) gibt es ein kleines Kind, süß anzusehen, doch todbringend für seine Bezugspersonen; das Thema der dämonischen Besessenheit ist u.a. in The Exorcist (Der Exorzist; 1973), Ringu (Ring; 1998) und seinen amerikanischen Remakes abgehandelt worden. Mit der Ermittler-Figur von Ian McShane (der großartige Al Swearengen aus der HBO-Serie Deadwood!) werden Motive des Polizeifilms eingebracht, die Morde selbst sind als set-pieces mit Anklängen an die Final Destination-Reihe inszeniert. Und wenn die Kamera Hagen Bogdanskis, der u.a. Das Leben der Anderen (2006) und Die Unberührbare (2000) fotografiert hat, das Haus einer Unterschichtfamilie erkundet, dann erscheinen die Innenräume wie in jedem x-beliebigen Backwood-Horrorfilm verwittert, mit den obligatorischen korrodierten Flächen, matter Patina, allerlei ungesundem Moder und verdächtigen Schrammen. So entsteht letztlich ein Flickwerk, das ästhetisch durch die Verwendung kalter, blaugrauer Farbtöne zusammengehalten wird, die durch den exzessiven Einsatz von Farbfiltern und durch das Setdesign nahezu alle filmischen Räume bestimmen. Schlaftabletten sind blau, Pappbecher in einer Nervenheilanstalt mit blauem Design bedruckt und Erbsen so blau-grün wie in Scorseses The Aviator (2004). Manchmal wirken die Menschen wie bleiche Zierfische in einem überdimensionierten Aquarium. Wenn die von Renée Zellweger gespielte Heldin ihr Haus in Brand setzt, dann rettet sie, was auch sonst, lieber ihren Goldfisch als ihr neues, teuflisches Adoptivkind.


Alvart hat früher das Filmmagazin X-Tro herausgegeben und nach seinem Debütfilm Curiosity & the Cat (1999) mit Antikörper (2005) einen deutschen Serienmörderthriller inszeniert. Fraglos kennt er sich mit der Geschichte des Genres aus. Aber ähnlich wie in Antikörper bleibt hier vieles zu offensichtlich, zu durchschaubar, zu sehr auf den Effekt hin angelegt. Antikörper versprach mit einem Dostojewski-Zitat am Anfang, der authentischen dörflichen Szenerie und guten Schauspielerleistungen existenziell Tiefgründiges, um letztlich als halbgare Variation von The Silence of the Lambs (Das Schweigen der Lämmer; 1991) zu enttäuschen. Auch Case 39 erzählt im Kern einen für das Genre eigentlich ungewöhnlichen Stoff. Die Geschichte der Sozialarbeiterin Emily (Zellweger), die unerwartet zur alleinerziehenden Mutter wird, als sie die kleine Lillith (Jodelle Ferland) aufnimmt, ist in einem von teenage angst beherrschten Genre als Allegorie für die Überforderung einer alleinerziehenden Mutter nicht unbedingt ein Allerweltsstoff. Schnell entwickelt sich das kleine Mädchen zur veritablen häuslichen Tyrannin – Nomen est Omen: ein enfant fatal – und Freunde und Bekannte sterben auf mysteriöse Weise. Metaphorisch erzählt Alvart davon, wie der unfreiwilligen Mutter alle sozialen Kontakte wegbrechen, das Leben nur mehr an ihr vorbeirauscht, ganz wörtlich in den Szenen im Büro, in denen er Zeitraffer einsetzt. Bald erscheint jede im nervigen Singsang vorgetragene Bitte als Erpressung, eingeforderte Liebesbekundungen werden mit geheuchelten Notlügen beantwortet; am Ende steht Vereinzelung, häusliche Gewalt und Paranoia. Doch wenn Alvart dann diese Metaebene direkt thematisiert, indem er in Rückblenden von der unglücklichen Kindheit Emilys erzählt, dann vollzieht er keine Wendung zum psychologischen Horror. Es bleibt nur ein halbherziger Versuch und ein Wink mit dem Zaunpfahl für besonders begriffsstutzige Zuschauer. Was zur bösen Variante von Rosemary’s Baby (1968) als Geschichte getrübter Wahrnehmung hätte werden können – und damit spielt der Regisseur mehrmals – geriert zum bierernsten Dämonenhorror. Dafür geht Alvart allerdings Sam Raimis irrwitzige Überdrehtheit ab, die selbst dem PG-13-Horrorfilm Drag Me to Hell (2009) noch einen eigenen Reiz verlieh. Wenn erst einmal die Fratze des Dämons das Kindergesicht verzerrt, dann ist dem Stoff endgültig die Ambivalenz ausgetrieben. Wie viel unheimlicher war da doch Narciso Ibáñez Serradors ¿Quién puede matar a un niño? (Ein Kind zu töten ...; 1976), in dem wir netten, lachenden Nachbarskindern begegneten, die einen Alten einfach totschlagen und ihn dann aufzurren, um ihn mit einer Sichel bewehrt als Piñata zu verwenden. Aber die wilden 70er Jahre sind lange schon vorbei.


Was der Handlung an Tiefgang abgeht, versucht das Sounddesign mit Krawall und Dauerberieselung zu übertünchen. Immer wieder werden unerwartete Geräusche als akustische Schockmomente eingesetzt: ein Hund, der überraschend bellt; eine Hand, die urplötzlich an eine Scheibe klopft; ein Wecker, der losrasselt. Ein, zwei, vielleicht auch ein drittes Mal funktioniert das. Aber wieder und wieder den gleichen Effekt einzusetzen, bewirkt Gewöhnung und schließlich Langeweile. Einmal wird das Surround-Sounddesign effektiv eingesetzt: in einer gelungenen Szene, wohl eine Reminiszenz an Candyman (1992) und The Believers (1987), wenn Hornissen wütend surrend quer durch den Kinoraum rauschen und nachdrücklich zur Intensität des Terrors auf der Leinwand beitragen. Grundsätzlich aber fällt auf, wie überladen der Soundtrack ist; fast ununterbrochen klimpert, raunt oder dröhnt es. Wie viel drohender wäre da wenigstens einmal eine unerwartete Abwesenheit von Geräuschen, Musik und Atmo gewesen, statt ein weiteres Mal eine dämonische Macht gegen Türen anrennen oder Schlösser zerdreschen zu lassen, dass es nur so rumpelt und scheppert. Stilistisch erinnert der Film dabei an eine moderate Version dessen, was David Bordwell als Stil einer „intensivierten Kontinuität“ beschrieben hat: nicht eigentlich eine Abweichung vom klassischen, kausal-narrativen Stil Hollywoods, aber doch eine auffällige Dominanz von Großaufnahmen (hier als Teleeinstellungen der Protagonisten vor unscharfem Hintergrund) und scheinbar unmotivierter Kranfahrten und Aufsichten. Oder wie Mike Figgis es formulierte: "If somebody goes for a piss these days [...] it's usually a crane shot."


Völlig verschenkt ist auch Case 39 nicht. Bogdanskis Kameraarbeit hat ihren Reiz, und letztlich ist der Film durchaus kurzweilig. Nur etwas Neues bekommt man nicht geboten. Aber vielleicht tut man Alvart auch unrecht, denn einige abrupte Momente lassen eine nicht ganz glückliche Produktionsgeschichte dieses Films vermuten, dessen Dreharbeiten bereits 2006 begonnen wurden. Warten wir einmal ab, denn mit Pandorum hat Alvart bereits sein nächstes Projekt abgeschlossen.


Diese Kritik ist zuerst erschienen in: Splatting Image, Nr. 79, September 2009 (also vor dem Start von Pandorum)