Mittwoch, 1. Mai 2013

Willkommen in der Hölle: Erste Clips und Trailer von Nicolas Winding Refns ONLY GOD FORGIVES



"Only God Forgives" – Der Titel erinnert an die Italowestern der 60er-Jahre und die glorreiche Zeit des Bahnhofskinos in Europa, als Filme noch in reißerischen Titeln wie "Dio perdona … io no!" ("Gott vergibt … Django nie!"; 1967; Giuseppe Colizzi) oder "Dio li crea … io li ammazzo!" (Gott hat sie geschaffen, ich vernichte sie; 1968; Paolo Bianchini) das Versprechen der Grenzüberschreitung vor sich hertrugen und hard-boiled toughness versprachen.

Tatsächlich scheint sich Nicolas Winding Refn mit seinem neusten Film "Only God Forgives", der im diesjährigen Cannes-Wettbewerb uraufgeführt werden wird und wie schon sein Vorgänger, der überragende Neo(n)-Noir "Drive" (2011), abermals mit Ryan Gosling in der Hauptrolle besetzt ist, an einem virtuellen Streifzug durch die Filme der eigenen Videotheken-Sozialisierung zu begeben. Dabei schlägt er mit mehr oder weniger obskuren Referenzen an den popkulturellen Genre-Untergrund eine Schneise durch die Filmgeschichte, die von John Woos "heroic bloodshed"-Klassikern "Dip huet seung hung" (The Killer"; 1989) und "Lat sau san taam" ("Hardboiled"; 1992) über die künstlichen Neon-Welten von Walter Hills "Driver" (1978), "The Warriors" (1979) und "Streets of Fire" ("Straßen in Flammen"; 1984), die französischen Polars und die Filme Jean-Pierre Melvilles bis hin zur comichaften Coolness der Italowestern und ihrer wortkargen Antihelden und der überdrehten Gewalt der Shaw-Brothers-Wuxia-Epen reicht. Und nicht zuletzt mag, wie der Regisseur in einem Interview angedeutet hat, Goslings schweigsamer Kämpfer eine Variation, gar eine "Reinkarnation" (Refn), des stummen Gladiators One-Eye (Mads Mikkelsen) aus seiner zermürbenden Wikinger-Saga "Valhalla Rising" von 2009 sein. Das alles steigert auf jeden Fall schon einmal die Vorfreude auf "Only God Forgives", der am 18. Juli 2013 auch in Deutschland anlaufen soll.


Das Drehbuch von Refns neuem Film flottiert seit einiger Zeit im WWW (gelesen habe ich es bewusst nicht, um mir nicht den Spaß zu verderben). Aber die Trailer – mehrere "green"- und "red band"-Trailer wurden mittlerweile veröffentlicht – und die bisher vorgestellten Filmclips versprechen einen farbenfrohen und extrem stilisierten Post-Noir im schäbigen Großstadtsetting Bangkoks. So offensichtlich die filmischen Vorbilder zu erkennen sind, der dänische Regisseur kreiert daraus seine dezidiert eigene filmische Welt, die im Gegensatz zu seinem US-amerikanischen Pendant Tarantino kein Pastiche ist, sondern eine organisch wirkende, in sich stimmige Variation des B-Films, die auch in Länge und Budget ihren Vorbildern treu bleibt. Während Tarantino für sein erklärt postmodernes 165-Minuten-Italowestern/Southern-Mashup "Django Unchained" ein Budget von 100 Millionen benötigte, da realisiert Refn seinen Kickboxer-Film-Noir konsequent als 90 Minuten langes B-Picture für ein erstaunlich schlankes Budget von gerade einmal 4,8 Millionen. Dass es sich offensichtlich gelohnt hat, dass er seinen Independent-Wurzeln treu geblieben ist, lässt sich anhand des bislang veröffentlichten Materials zumindest vermuten:


Clip 1 ist eine offensichtliche Hommage an das 80er-Jahre-Action-Kino Hongkongs im Allgemeinen und John Woo im Speziellen (hier und bei den weiteren Clips bietet sich die Ansicht in bildschirmfüllendem Vollbildformat an, damit das Format richtig wiedergegeben wird):




Clip 2 zeigt Gosling und Kristin Scott-Thomas in der boshaften Parodie eines Familienessens, die an William Friedkins schwarze Noir-Satire "Killer Joe" erinnert:



Clip 3 ("Julian's Rage") wiederum erinnert an die unvermittelten Gewaltausbrüche des Vorgängerfilms "Drive":




Das alles macht Lust auf mehr und "Only God Forgives" zu einem der Anwärter für den schönsten Neo-Noir von 2013 ...

Zu guter Letzt darum noch der "red band"-Trailer in HD:



Kommentare:

KcnpXcp hat gesagt…

Guter Artikel. Ich danke schon mal für die zahlreichen Filmtipps, die du lieferst. Ein Blog genau nach meinem Geschmack ;)

themroc hat gesagt…

Besten Dank für die Blumen! Es freut mich, dass Dir mein Blog gefällt.

Als Update zu dem Text hier ein Link zu einer Zusammenfassung der ersten Kritiker-Reaktionen aus Cannes, die ein wenig an die Berlinale-Reaktionen auf Michael Winterbottoms THE KILLER INSIDE ME erinnert - der 2010 ebenfalls völlig verrissen wurde, den ich aber für eine der konsequentesten und besten Neo-Noir-Varianten der letzten Jahre halte:

http://www.thewrap.com/movies/column-post/ryan-goslings-only-god-forgives-critics-really-really-hate-crime-drama-93196