Sonntag, 22. Januar 2012

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern: THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO von David Fincher


"The Girl With the Dragon Tattoo"

("Verblendung"; USA / Schweden / UK / Deutschland 2011; Regie: David Fincher)

Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie verfilmt wurde. Damals in den Hauptrollen: Noomi Rapace als geniale Hackerin Lisbeth Salander und Michael Nyqvist als Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist. Die schwedisch-europäischen Kino/Fernseh-Koproduktionen, als "amphibische Filme" zugleich im Kino und in erweiterten Fassungen im Fernsehen ausgewertet, waren kommerziell erfolgreich. Auch viele Fans der Romanvorlage waren mit Rapaces tough-herber Salander-Interpretation zufrieden. Leider kamen die Filme von Niels Arden Oplev ("Män som hatar kvinnor" / "Verblendung") und Daniel Alfredson ("Flickan som lekte med elden" / "Verdammnis" und "Luftslottet som sprängdes" / "Vergebung"; alle 2009) kaum über das Niveau herkömmlicher Fernsehkrimis hinaus. Wirkliche Überraschung gab es wenige, einzig vielleicht die Härte, mit der die Vergewaltigung der Protagonistin durch einen schmierigen Sozialarbeiter – eben einer der "Männer, die Frauen hassen" des Originaltitel – im ersten Teil inszeniert wurde. Für mehr – visuell, dramaturgisch, ästhetisch – hätte es der Chuzpe eines Dominik Graf bedurft, der zuletzt in seinem "Polizeiruf 110" "Cassandras Warnung" (2011) genrekundig Anspielungen auf italienische Gialli wie Aldo Lados "Chi l'ha vista morire?" ("The Child – Die Stadt wird zum Alptraum"; 1972) und Lucio Fulcis "Non si sevizia un paperino" ("Don't Torture a Duckling"; 1972) unterbrachte und stilistisch hemmungslos über die Stränge schlug. Oder es hätte die abgründige Neugierde und die Professionalität gebraucht, die Jimmy McGoverns britische Krimiserie "Cracker" ("Für alle Fälle Fitz"; 1993-96) in den 1990er Jahren ausgezeichnet hatten. Davon war in den Salander-Filmen jedoch nur wenig zu spüren. Bezugspunkt war nicht das europäische Populärkino, sondern das risikofreie Einerlei der fürs Fernsehen zusammengezimmerten "Schwedenkrimis" à la Wallander & Co. Die Leinwand- und Mattscheibengeschichten vom "Mädchen mit dem Drachen-Tattoo" klebten zu nahe an den Vorlagen, zeichneten sich durch allgemeine Mutlosigkeit und ästhetischer Beliebigkeit aus. Und, auch wenn ich mir jetzt alle Sympathien der Larsson-Fans endgültig verscherze: Noomi Rapaces Lisbeth Salander hat mich nie so recht überzeugt – nicht bevor ich die Bücher gelesen hatte, und noch weniger danach.

In diesem Sinn ist der zurzeit in Internetforen ausgelebte antiamerikanisch gefärbte Furor darüber, dass Hollywood nun auch diesen Stoff vereinnahmt hat und ihn David Fincher zu einer neuen Trilogie verarbeitet, völlig überzogen. Gewiss, ohne kommerzielles Kalkül, das im Übrigen schon die ersten Adaptionen motiviert hat, hätte Fincher seine zehn Mal höher budgetierte Neuverfilmung "The Girl With the Dragon Tattoo" ("Verblendung"; 2011) nie gedreht. Andererseits gibt es aktuell keinen US-Regisseur, der so dafür prädestiniert wäre wie der Regisseur von "Seven" ("Sieben"; 1995), "Fight Club" (1999) und "Zodiac" (2007).

Tatsächlich ist Fincher eine sehr gute Adaption gelungen: angemessen düster, elegant, wo nötig auch brachial, und vor allem: filmischer als der europäische Vorgänger. Fincher überhöht und stilisiert das Material durch elegant gleitende Kamerafahrten, richtet mit Stammkameramann Jeff Cronenweth sorgfältig kadrierte Bilder ein und findet einige krasse Kontrapunkte wie etwa den zynischen Einsatz von Enyas Popsong "Orinoco Flow (Sail Away)", der während der entscheidenden Konfrontation mit dem Serienmörder im weiß gekachelten Folterkeller hämisch im Hintergrund säuselt. Wie schon für "The Social Network" liefern Trent Reznor und Atticus Ross einen zwischen Industrial, Rock und Klangcollage pendelnden Score, der die düstere Bildsprache ideal ergänzt. Überzogen wirkt lediglich Onur Senturks pompöse Vorspannsequenz, die an einen überproduzierten Videoclip erinnert und deren Anspielungen von Karl Blossfeldt über Saul Bass bis zu Maurice Binders "James Bond"-Titelsequenzen reichen.



The Girl with the Dragon Tattoo Opening Titles from Onur Senturk on Vimeo.

Die beiden einzigen wirklichen Probleme des neuen "Girl With the Dragon Tattoo" entziehen sich Finchers Einfluss. Zum einen ist die Vorlage und damit die Handlung mittlerweile hinlänglich bekannt und bietet vor allem innerhalb der ersten 30 Minuten viele Déjà-vus. Die Romane, ihre Hörbuchfassungen und die ersten Adaptionen haben Larssons Plot, seine Figuren, ihre mitunter merkwürdigen Idiosynkrasien und forcierten Wendungen so sehr im kollektiven Gedächtnis verankert, dass der Film auf der Plot-Ebene zumindest europäischen Zuschauern nur wenig zu bieten hat. Das andere Problem ist grundlegender, denn Larsson war zwar ein begabter Geschichtenerfinder, aber zugleich ein eher mittelmäßiger Schriftsteller. Seine "Millennium"-Trilogie leidet unter unzähligen überflüssigen Plot-Twists, Ausschmückungen, Überzeichnungen und Logiklöchern. Und diese Mängel kann auch das beste Drehbuch, soll es denn der Vorlage halbwegs treu bleiben, nur notdürftig kaschieren. Ein ähnliches Problem konnte auch Ridley Scott bei seiner barocken Thomas-Harris-Adaption "Hannibal" vor zehn Jahren nicht ganz überwinden.

Zugegebenermaßen sind Larssons Romane mitreißend, letztlich aber Pulp. Wie überkonstruiert die Vorlagen sind, zeigt schon der Charakter Lisbeth Salander: ein gesellschaftlicher Outcast, in der Kindheit traumatisiert, bisexuell, mit fotografischem Gedächtnis und brillantem mathematischen Verstand ausgestattet, angetrieben von einer gehörigen Wut auf das ganze Sexistenpack, das halb Schweden zu bevölkern scheint. Larssons Lisbeth Salander ist sexuell aggressiv und Opfer zugleich, Vergewaltigte und Vergewaltigerin, fragil und kindlich im Körperbau, zugleich eine martialische Kampfmaschine, die sich ihre Wehrhaftigkeit mit einem Drachen- und einem Wespen-Tattoo auf ihren Körper eingeschrieben hat. Doch frei nach Umberto Eco gilt auch hier: Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend. Und so ist die Figur Lisbeth Salander gar nicht so weit von Thomas Harris’ Kannibalenpsychiater Hannibal Lecter entfernt: eine grotesk mit Allmachtsfantasien überladenen Figur, die sich wie aus dem Nichts trotz (und gerade wegen) ihrer Widersprüchlichkeit in der populären Kultur festsetzt. Beide Figuren, Lecter wie Salander, vereinen die denkbar extremsten Gegensätze in sich: Intellekt und Barbarei, Licht und Schatten, Männlichkeit und Weiblichkeit. Als Grenzgänger zwischen dem Erhabenem und dem Banalen sind sie gleichermaßen Figuren der populären Mythologie geworden. Dabei ist die Figur, die der ehemalige Polizeireporter Harris mit Lecter entwarf, freilich ein dunkler Souverän, der sich mit nietzscheanischem Gestus zum Bösen ermächtigt, während Salander gewissermaßen den "linken" Gegenentwurf dazu bildet, von einem der Gegenöffentlichkeit verpflichteten Journalisten erschaffen als Figur, die sich aus dem sozialen Abseits aufschwingt, das Leid der Frauen in einer misogynen Gesellschaft zu rächen.






Und wie bei den Hannibal-Lecter-Verfilmungen steht und fällt alles mit der Besetzung der zum mythischen Racheengel erhobenen Hauptfigur. Mögen auch Daniel Craig als zwischen Idealismus und Weltschmerz pendelnder Enthüllungsjournalist, Christopher Plummer und Stellan Skarsgård als Mitglieder der dysfunktionalen Industriellenfamilie Vanger und all die anderen Schauspieler ideal besetzt sein – der Coup des neuen Films ist Rooney Mara als Lisbeth Salander: eine rotzige Punkrockgöre, ein furioses Riot Grrrl, eine schwarze Pippi Langstrumpf. Mara ist ein mörderisches Mädchen mit den Schwefelhölzern und einem Benzinkanister. Natürlich wird es diejenigen geben, die Noomi Rapace als Lisbeth Salander weiter die Treue halten werden. Aber ganz im Ernst: Mara ist die bislang glaubwürdigste Inkarnation von Larssons androgyner Kriegerin mit all ihren Widersprüchen. Die 26-jährige Darstellerin, die bereits in "The Social Network" eine bravouröse Leistung ablieferte, wird als "The Girl With the Dragon Tattoo" ihren Durchbruch feiern. Sie legt Feuer im kontrollierten Chaos der Hochglanzbilder.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf www.filmgazette.de


P.S.: Einen schönen Gruß an den unbekannten Münchner Kritikerkollegen, der bei der Pressevorführung die ganze Zeit neben mir mit seinem beleuchteten Kritiker-Kugelschreiber herumfuchteln musste: Was man nicht im Kopf hat und nicht ins Kurzzeitgedächtnis passt, müssen manche wohl aufschreiben. Dies aber auf die höfliche Nachfrage, ob das wirklich nötig sei, pampig als Ausweis der eigenen Professionalität auszugeben, ist, euphemistisch ausgedrückt, doch etwas unglaubwürdig.

P.P.S.: Hier gibt es eine weitere Rezension des Films von mir auf ard.de und ein Interview auf br.de 


"The Girl with the Dragon Tattoo" ("Verblendung"; USA 2011)
Regie: David Fincher - Drehbuch: Steven Zaillian - Produktion: Scott Rudin, Ceán Chaffin, Søren Stærmose, Ole Søndberg - Kamera: Jeff Cronenweth - Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall - Musik: Trent Reznor, Atticus Ross - Besetzung: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Steven Berkoff, Robin Wright, Yorick van Wageningen, u.a. - Verleih: Sony - FSK: ab 16 Jahre - Kinostart (D): 12.01.2012 - Länge: 158 Min.




Und hier noch der Originaltrailer via Youtube:






Sonntag, 1. Januar 2012

Jahresbestenliste 2011


2011 war kein wirklich gutes Kinojahr. Dem von Remakes, Sequels, Prequels und kaschierten Neuauflagen altbekannter Stoffe dominierten US-Kino sind bis auf wenige Ausnahmen die Ideen endgültig ausgegangen: irrelevante, bestenfalls visuell eindrucksvolle Superheldenfilme und Comicverfilmungen, dritte Fortsetzungen abgenutzten Serien wie der "Scream"- und "Pirates of the Caribbean"-Reihe und der uninspirierte Einsatz des vermeintlichen Heilsbringers "3D" haben vor allem eines: gelangweilt. Selbst der zweite Teil von "Hangover" erwies sich als Quasi-Remake, und das angebliche Prequel "The Thing" (USA-CAN 2011; Matthijs van Heijningen Jr.) war tatsächlich eine Neuverfilmung von Carpenters Remake aus den 1980er Jahren. Auch David Cronenberg hat mit "A Dangerous Method" enttäuscht, und Paolo Sorrentinos erster US-Film "This Must Be the Place" fiel trotz einiger Höhepunkte deutlich hinter seinen in Italien entstandenen Filmen zurück.
2012 dagegen verspricht mit neuen Filmen von Martin Scorsese ("Hugo"), David Fincher ("The Girl With the Dragon Tattoo"), Steve McQueen ("Shame"), Clint Eastwood ("J. Edgar") und Thomas Alfredson ("Tinker Tailor Soldier Spy") zumindest mit einem Paukenschlag zu beginnen – immerhin.

Im Folgenden mein Jahresrückblick 2011: wie immer subjektiv und bestenfalls eine Momentaufnahme. Einige Filme habe ich im Kino verpasst (etwa Malicks "The Tree of Life"), andere längst vergessen, und bei dem einen oder anderen Film würde ich nach einer zweiten Sichtung wohl meine Meinung revidieren. Der Überblick ist auf Filme beschränkt, die 2011 in deutschen Kinos zu sehen waren. Fernsehserien wie die zweite Staffel von "Boardwalk Empire" und die brillante erste Staffel der Fantasy-Serie "Game of Thrones" (beste Vorspannsequenz einer TV-Serie ever!), seinen hier stellvertretend für den längst nicht mehr so kleinen Bildschirm genannt. 




Die Top 10 – 2011 in deutschen Kinos:


1. "Carnage" ("Der Gott des Gemetzels"; F-D-PL-E 2011; Roman Polanski)
2. "Polisse" ("Poliezei"; F 2011; Maïwenn) - Rezension
3. "Winter's Bone" (USA 2010; Debra Granik) - Rezension
4. "The King's Speech" (UK 2010; Tom Hooper)
5. "Hanna" ("Wer ist Hanna?"; USA-UK-D 2011; Joe Wright)
6. "Trolljegeren" ("Troll Hunter"; NOR 2010; André Øvredal)
7. "Hanyo" ("Das Hausmädchen"; Südkorea 2010; Sang-soo Im) - Rezension
8. "Perfect Sense" (D-UK-S-DK 2011; David Mackenzie)
9. "Black Swan" (USA 2010; Darren Aronofsky)
10.
"Meek's Cutoff" (USA 2010; Kelly Reichardt)




Lobende Erwähnung 2011:

Reflexion:
·       "Blue Valentine" (USA 2010; Derek Cianfrance) - Rezension
·       "Margin Call" ("Der große Crash"; USA 2011; J.C. Chandor)
·       "Biutiful" (E-MEX 2010; Alejandro González Iñárritu) - Rezension
·       "Tyrannosaur" ("Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte"; UK 2011; Paddy Considine)
·       "The Ides of March" ("The Ides of March – Tage des Verrats"; USA 2011; George Clooney)

Indies und Festivalkino:
·       "Melancholia" (DK-S-F-D 2011; Lars von Trier)
·       "This Must Be the Place" ("Cheyenne – This Must Be the Place"; Paolo Sorrentino; I-F-IR 2011)
·       "End of Animal" (Südkorea 2010; Sung-Hee Jo)
·       "La piel que habito" ("Die Haut in der ich wohne"; E 2011; Pedro Almodóvar)
·       "Essential Killing" (PL-NOR-IR-HU 2010; Jerzy Skolimowski)

Genre: Action & Horror, Komik & Abenteuer:
·       "Jûsan-nin no shikaku" ("13 Assassins"; JAP-UK 2010; Takashi Miike)
·       "The Innkeepers" (USA 2011; Ti West)
·       "Faster" (USA 2010; George Tillman Jr.) - Rezension
·       "The Lincoln Lawyer" ("Der Mandant"; USA 2011; Brad Furman)
·       "Rango" (USA 2011; Gore Verbinski)
·       "The Guard" ("The Guard – Ein Ire sieht schwarz"; IR 2011; John Michael McDonagh)
·       "The Killer Inside Me" (USA-S-UK-CAN 2010; Michael Winterbottom)
·       "True Grit" ("True Grit – Vergeltung"; USA 2010; Ethan & Joel Coen)
·       "The Eagle" ("Der Adler der neunten Legion"; USA-UK 2011; Kevin Macdonald)
·       "Akmareul boatda" ("I Saw the Devil"; Südkorea 2010; Jee-woon Kim)
·       "How Do You Know" ("Woher weißt du, dass es Liebe ist?"; USA 2010; James L. Brooks) - Rezension
·       "Chillerama" (USA 2011; Adam Green, Joe Lynch, Adam Rifkin & Tim Sullivan)
·       "Bridesmaids" ("Brautalarm"; USA 2011; Paul Feig)
·       "Mother's Day" (USA 2010; Darren Lynn Bousman)
·       "Ajeossi" ("The Man From Nowhere"; Südkorea 2010; Jeong-beom Lee)



Kinofrust 2011:

Bodensatz (I.): seelenloser Mainstream, so überflüssig wie ärgerlich:
·       "The Green Hornet" (USA 2011; Michel Gondry)
·       "The Three Musketeers" ("Die Drei Musketiere"; D-F-UK-USA 2011; Paul W.S. Anderson) - Rezension
·       "Cowboys & Aliens" (USA 2011; Jon Favreau)
·       "Sucker Punch" (USA-CAN 2011; Zack Snyder) - Rezension
·       "Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides" ("Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten"; USA 2011; Rob Marshall)

Enttäuschte Erwartungen:
·       "A Dangerous Method" ("Eine dunkle Begierde"; UK-D-CAN-CH 2011; David Cronenberg) – Bestimmt kein schlechter Film, aber leider so uninteressant. Und das bei dem Thema, der Besetzung und dem Regisseur! Schade.
·       "The Hangover Part II" ("Hangover 2"; USA 2011; Todd Phillips) – Und schon war die Luft raus. Einmal gelacht im Kino.
·       "Brighton Rock" (UK 2010; Rowan Joffe) – Mit britischen Gangsterfilmen werde ich einfach nicht warm.
·       "Sherlock Holmes: A Game of Shadows" (Sherlock Holmes – Spiel im Schatten"; USA 2011; Guy Ritchie) - Rezension 1 oder Rezension 2
·       "Scream 4" (USA 2011; Wes Craven) – Langweilig, einfach nur langweilig.

Keine Ideen, alles schon besser gesehen:
·       "The Next Three Days" ("72 Stunden – The Next Three Days"; USA-F 2010; Paul Haggis)
·       "Wake Wood" (IR-UK 2011; David Keating)
·       "Shanghai" (USA-VRC 2010; Mikael Håfström) - Rezension
·       "Largo Winch II – Die Burma Verschwörung" ("Largo Winch II"; F-BEL-D 2011; Jérôme Salle)
·       "L'assault" ("The Assault"; F 2010; Julien Leclercq)

Bodensatz (II.) – auch jenseits des Mainstreams ist nicht alles Gold:
·       "Drive Angry" (USA 2011; Patrick Lussier) – So schlecht, dass man ihn fast schon wieder gesehen haben muss. - Rezension
·       "The Woman" (USA 2011; Lucky McKee) – Einige Kritiker sprachen von einem feministischen Horrorfilm. Ein groteskes Missverständnis.
·       "I Spit On Your Grave" (USA 2010; Steven R. Monroe) – I spit on your movie!
·       "The Conspirator" ("Die Lincoln Verschwörung"; USA 2010; Robert Redford) – Prätentiös.



Vorfreude / 2012 im Kino:

·       "Drive" (Nicolas Winding Refn; USA 2011) – Eine grandiose Hommage an die 80er Jahre, großartige Schauspieler, Verweigerung aller Erwartungen. Läuft im Januar an. Kino-Tipp!
·       "The Girl With the Dragon Tattoo" ("Verblendung"; David Fincher; USA 2011) – Nicht "Zodiac", aber ausgezeichnetes Mainstreamkino. Rooney Mara als Lisbeth Salander: ein absoluter Glücksfall. Ebenfalls ab Januar im Kino.
·       "Tinker Tailor Soldier Spy" ("Dame, König, As, Spion"; F-UK-D 2011; Thomas Alfredson) – Noch nicht gesehen, hohe Erwartungen.
·       "The Artist" (F-BEL 2011; Michel Hazanavicius) – Die Besetzung, die Idee, das Team der "OSS"-Filme: kann eigentlich nur gut werden.
·       "Rampart" (USA 2011; Oren Moverman) – "Bad Lieutenant", anyone?
·       "Shame" (UK 2011; Steve McQueen) – Größte Vorfreude. Ab März bei uns im Kino.


Mittwoch, 28. Dezember 2011

Two Mules for Madame Simza: Guy Ritchies zweites "Sherlock Holmes"-Abenteuer A GAME OF SHADOWS



"Sherlock Holmes – Spiel im Schatten"

("Sherlock Holmes: A Game of Shadows"; USA 2011; Regie: Guy Ritchie)

Kurz vor Weihnachten kommen traditionell nur wenige Großproduktionen in die deutschen Kinos. Kaum ein Verleih will sein Pulver verschießen, während das Publikum die letzten Weihnachtseinkäufe erledigt und sich auf die Völlerei und Quengelei unterm Tannenbaum und den alljährlichen Kirchbesuch vorbereitet. Die Fernsehsender bieten zudem alles an Spielfilmen auf, um Alt und Jung zuhause zu halten. Und so starten am 22. Dezember dieses Jahres wieder vor allem romantische Komödien und Kinderfilme, auch ein Dokumentarfilm namens "Abendland" von Nikolaus Geyrhalter ist dabei, den der Verleih als "ein Filmpoem über einen Kontinent bei Nacht" anpreist; also ein eher verkopfter Stoff, der von vorneherein keine Chance hat, ein größeres Publikum zu finden und der hier verheizt wird. George Clooneys Politthriller "The Ides of March" dürfte ebenfalls wegen seines für deutsche Zuschauer eher unattraktiven Themas, den "Primaries" des US-amerikanischen Vorwahlkampfs, hier positioniert worden sein. Der einzige dicke Fisch ist "Sherlock Holmes: A Game of Shadows" ("Sherlock Holmes – Spiel im Schatten"), ein sehr teurer Blockbuster, den der Brite Guy Ritchie inszeniert hat. Und hier hält sich das Risiko im Rahmen: Als Sequel zum ersten Holmes-Abenteuer von 2009 dürfte der Film wohl problemlos sein Massenpublikum finden, immerhin hat schon der erste Teil weltweit 500 Millionen Dollar eingespielt.

Guy Ritchie hält sich bei dem neuen Holmes-Abenteuer so eng an die etablierte Formel, dass Original und Fortsetzung sich über weite Strecken bis zur Ermüdung gleichen. Das beginnt schon beim erprobten Gothic-Look. "A Game of Shadows" ist wie der 2009er-"Sherlock Holmes" eine ziemlich düstere Angelegenheit. Das "Spiel im Schatten" vollzieht sich in von Farben entsättigten Bildern, die von Blau, Grau, Braun in allen ihren Abstufungen hin zu Schwarz bestimmt werden. Hinzu kommt die barock überladene Ausstattung, die kaum kein atmosphärisches Klischee auslässt: Nebel und Smog wabern in den Straßen des Fin-de-siècle-Londons, der Boden ist von schwarzem Kies bedeckt, in den Ecken drücken sich Bettler, sinistere Gestalten und Opiumraucher herum. Durch die Gassen donnern schwarze Kutschen, Flaneure schwingen Gehstöcke mit silberverzierten Knäufen. Die gotischen Villen und die düsteren Herrenhäuser, in die es die Helden verschlägt, sind ausgestattet mit marmornen Säulen, dunklem Tropenholz und Steinböden mit Schachbrettmuster, selbstverständlich auch von Geheimgängen durchzogen. Hinzu kommen Doppelgänger und abstruse Verkleidungen; abgründige Ränke und undurchschaubare Mysterien; eine falsche Wahrsagerin; ein Universitätsprofessor, der einen Weltkrieg entfesseln will (der mad scientist par excellence); eine gigantische Munitionsfabrik in Deutschland mit Wächtern, deren Uniformen verdächtig an diejenigen erinnern, in denen deutsche Soldaten ein halbes Jahrhundert nach der Filmhandlung die Welt terrorisieren sollten. Ebenfalls dabei: eine Gruppe französischer Anarchisten, die allerdings der totalen Zerstörung der herrschenden Ordnung längst abgeschworen hat. Der einzig wahre Anarchist ist Professor Moriarty, gespielt von Jared Harris, dem Vorzeigebriten aus "Mad Men". Moriarty riecht den Weltenbrand, der bereits 1891 in der Luft hängt und er will die Zersetzung der bestehenden Ordnung beschleunigen. Dass er sich davon einzig Reichtum erhofft, wirkt wie eine lahme Ausrede. Was kann er schon von seinem Geld haben, wenn alles in Trümmern liegt?

Ihm gegenüber treten natürlich Holmes (Robert Downey Jr.) und Dr. Watson (Jude Law) an. Zwar hat Watson gerade gegen alle Widerstände seines transvestitisch veranlagten Partners seine versnobte Verlobte Mary (Kelly Reilly) geheiratet. Das treibt einen Keil in den Miniaturmännerbund Holmes/Watson, der bei Ritchie stärker als in frühen Parodien wie Billy Wilders "The Private Life of Sherlock Holmes" ("Das Privatleben des Sherlock Holmes"; 1970) homoerotisch konnotiert ist. Da ein solches Männerpaar partout keine Frauen verträgt, es sei denn sie benehmen sich wie Männer oder ihre sexuelle Identität lässt sich erfolgreich ignorieren, findet sich schnell ein Vorwand, Watsons Braut aus einem fahrenden Zug zu stoßen. In die Flitterwochen fahren dann Holmes und sein treuer Doktor gemeinsam. Als Dritte im Bunde, sozusagen als minimalidentifikatorisches Angebot ans weibliche Publikum, kommt Noomi Rapace hinzu, die in ihrem Hollywooddebüt die undankbare Rolle der Zigeuner-Wahrsagerin Madame Simza gibt, die wie ein überflüssiges Anhängsel wirkt. Immerhin können die beiden Jungs mit Simza gemeinsam all das unternehmen, was zu einem zünftigen Abenteuerfilm gehört: rennen und reiten; schießen und prügeln; hauen und stechen; quer durch Europa, von London nach Frankreich über Deutschland bis in die Schweizer Alpen, wo es in Anlehnung an Arthur Conan Doyles 1893 veröffentlichte Kurzgeschichte "The Final Problem" zum Showdown mit Moriarty am Reichenbachfall kommt.

Fast eine Stunde dauert es, bis "A Game of Shadows" endlich Fahrt aufnimmt. Ennio Morricones beschwingt-skurriles Thema von Don Siegels "Two Mules for Sister Sara" ("Ein Fressen für die Geier"; 1970) kündigt den Wechsel im Erzählton an und erinnert zugleich daran, wie sehr der Meister doch seinem Epigonen Hans Zimmer überlegen ist, der den restlichen Score beigesteuert hat. In den folgenden 60 Minuten liefert Guy Ritchie endlich das, was man zuvor sehnsüchtig vermisst hat: Tempo, Irrwitz, das Comichaft-Überdrehte des Figurenarsenals und der Ausstattung treten in den Dienst des herzlich albernen Plots. Eine furios inszenierte Hetzjagd durch einen Wald, während der die Helden unter Artilleriebeschuss geraten und bei der Ritchie in der Montage offensichtlich Sam Peckinpahs delirierenden "Steiner – Das eiserne Kreuz" ("Cross of Iron"; 1977) zitiert, zählt zu den Höhepunkten der Materialschlacht. Im Finale wird sogar die längst abgenutzte Routine des in Zeitlupe von Holmes antizipierend vorweggenommen Kampfs selbstironisch gebrochen: Nun betreibt sein ihm ebenbürtiger Gegner parallel dazu die gleichen Überlegungen, und die Opponenten müssen sich quasi telepathisch darauf einigen, dass der Kampf bereits entschieden ist, bevor er überhaupt geführt wird. Einen Ausweg findet Holmes trotzdem.

"A Game of Shadows" ist alles in allem ziemlicher Blödsinn. Aber im Vergleich zu herkömmlichem Mainstream vom Reißbrett, etwa der 3D-Neuauflage von "Die drei Musketiere" (2011; R: Paul W. S. Anderson), merkt man dem Film immerhin den Spaß an, mit dem Ritchie seinen filmischen Comic-Strip inszeniert und vom Italowestern und Richard Lester inspiriert die Travestie des Holmes-Mythos betreibt. Vom viktorianischen Meisterdenker ist hier nicht mehr viel übrig: Holmes ist weniger ein Intellektueller denn eine Mischung aus Dandy und Prolet. Nur allzu gerne experimentiert dieser rüpelhafte Hedonist mit Dreitagebart mit Drogen, probiert immer neue Verkleidungen aus und stellt geheimnisvollen Männern nach. Der Holmes des neuen Jahrtausends will einfach nur sein Jungs-Ding ausleben und ungestört von Frauen, sozialer Etikette oder gesellschaftlichen Verpflichtungen seinen Kindereien nachgehen. Da geht es ihm wie Guy Ritchie. Nur bekommt der viel mehr Geld dafür.


Dieser Text ist zuerst erschienen auf www.filmgazette.de


"Sherlock Holmes – Spiel im Schatten" ("Sherlock Holmes: A Game of Shadows"; USA 2011)
Regie: Guy Ritchie - Drehbuch: Michele Mulroney, Kieran Mulroney - Produktion: Susan Downey, Dan Lin, Joel Silver, Lionel Wigram - Kamera: Philippe Rousselot - Schnitt: James Herbert - Musik: Hans Zimmer - Besetzung: Robert Downey Jr., Jude Law, Eddie Marsan, Kelly Reilly, Noomi Rapace, Jared Harris, Stephen Fry u.a. – Verleih: Warner – FSK: ab 12 Jahren – Deutscher Kinostart: 22.12.2011 - Länge: 128 Min.



Und hier noch der Trailer via Youtube:



Sonntag, 11. Dezember 2011

Film policier: POLISSE von Maïwenn



„Poliezei“

(„Polisse“; F 2011; Regie: Maïwenn)


Ein junges Mädchen erzählt mit flehendem Blick, ihr Vater habe sie lieb, „zu lieb“. Eine 14-Jährige prostituiert sich für ein Handy und kann nichts Falsches dabei erkennen – immerhin war es ja ein Smartphone, für das sie ihren Schulkameraden einen geblasen hat. Eine drogensüchtige Mutter entführt ihr Kleinkind aus der Kinderkrippe, beim Betteln fällt es ihr auf den Boden und wird schwer verletzt. Tagtäglich werden die Polizisten der Pariser Jugendschutzabteilung mit unfassbarem Elend konfrontiert: Verwahrlosung und familiäre Gewalt, bandenmäßig organisierte Jugendkriminalität, sexueller Missbrauch, Inzest und Kinderpornografie. Während Abteilungsleiter Balloo (Frédéric Pierrot) sich mit bürokratischen Vorgesetzen einen Kleinkrieg um Finanzmittel liefert, wird der Abteilung die junge Fotografin Melissa (Maïwenn) zugeteilt, die deren Arbeit dokumentieren soll. Nach anfänglichen Spannungen von der Gruppe akzeptiert, begleitet Melissa die Sondereinheit in den nächsten Wochen und lernt die Abgründe der französischen Gesellschaft kennen.

Regisseurin Maïwenn, zugleich Koautorin und eine der Hauptdarstellerinnen, versucht in ihrer dritten Regiearbeit „Polisse“ („Poliezei“), die Komplexität des bedrückenden Sujets mit all seinen Widersprüchen darzustellen. Die Milieus, in denen die Polizisten ermitteln, reichen vom Prekariat bis in die abgeschotteten Luxusappartements der Oberschicht. Nicht in jedem Fall können die Ermittler sicher sein, ob wirklich ein Missbrauch vorliegt. Und manche ihrer Entscheidungen, etwa Familien für immer auseinanderzureißen, mag den Kindern, denen sie helfen wollen, eher schaden.

„Polisse“, dessen in krakeliger Kinderschrift falsch geschriebener Titel auf die jungen Opfer verweist, mit denen die Polizisten konfrontiert werden, ist alles andere als ein herkömmliches Genrestück. Vielmehr inszeniert die ehemalige Kinderdarstellerin Maïwenn einen Ensemblefilm, in dessen Mittelpunkt der Umgang der Protagonisten mit ihrer schwierigen Arbeit steht; ein kaleidoskopisches und multiperspektivisches Sittenbild; differenziert, mitunter vielleicht etwas didaktisch und konstruiert, aber stets mitreißend. Die sprunghafte Montage, die oft improvisiert wirkende Bildgestaltung und eine episodische Struktur erinnern dabei an dokumentarische Erzählformate, auch an Bertrand Taverniers seinerzeit umstrittenen Klassiker „L.627“ („Auf offener Straße“; 1992). Das naturalistische Spiel der ausgezeichneten Schauspielerriege – allen voran Karin Viard und Marina Foïs – trägt ein Übriges dazu bei, dass „Polisse“ trotz seiner Länge von mehr als zwei Stunden eine selten erlebte Unmittelbarkeit und emotionale Wucht entwickelt.

Das „Polisse“ kein gänzlich zermürbender und hoffnungsloser Film ist, liegt daran, dass die Regisseurin ihren Protagonisten trotz des düsteren Arbeitsalltags flüchtige Glücksmomente zugesteht, etwa in einem Nebenhandlungsstrang die vorsichtige Annäherung der jungen Fotografin und des Polizisten Fred (JoeyStarr). Einen gemeinsamen Disco-Besuch der Abteilung inszeniert Maïwenn gar als Musical-Sequenz – ein Stilbruch in der sonst dem Verismus verpflichteten Inszenierung, als ästhetische Zäsur zugleich eine kleine Utopie. Aufgrund seines schwierigen Sujets hat „Polisse“, der auf den Filmfestspielen in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde, natürlich bei uns nicht das große Publikum gefunden, das er verdient. Das ist schade, zählt er doch zu den eindringlichsten und interessantesten Filmen des Jahres.


Dieser Text ist in einer leicht gekürzten Form zuerst erschienen auf: www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/kino-kino


„Poliezei“ („Polisse“; F 2011)
Regie:
Maïwenn - Drehbuch: Maïwenn, Emmanuelle Bercot - Produktion: Alain Attal - Kamera: Pierre Aïm - Schnitt: Laure Gardette - Musik: Stephan Warbeck - Verleih: Wild Bunch - Länge: 127 min. - Besetzung: Maïwenn, Karin Viard, JoeyStarr, Marina Foïs, Nicolas Duvauchelle, Karole Rocher, Emmanuelle Bercot, Frédéric Pierrot, Arnould Henriet, Naidra Ayadi, Jéréie Elkaim u.a. - Kinostart (D): 27.10.2011




Und der deutsche Trailer via Youtube:


Dienstag, 10. Mai 2011

Wo die wilden Kerle wohnen ... THOR von Kenneth Branagh



„Thor“

(„Thor“; USA 2011; Regie: Kenneth Branagh)


Augenzucker aus Hollywood, kandiert und glasiert, glitzernd und strahlend: Kenneth Branagh, bekannt als Theatermime und für seine Kinoadaptionen von Shakespeare-Stücken wie „Henry V“ (1989), Much Ado About Nothing“ („Viel Lärm um nichts“; 1993) und „Hamlet“ (1996), hat sich an einen Superheldenfilm gewagt. Und, wider Erwarten, ist ihm das ziemlich gut gelungen.

Dabei hat sich der 51-jährige Brite den wohl abstrusesten Helden aus dem weitverzweigten Marvel-Comicuniversum ausgesucht: den hammerbewehrten, nordischen Donnergott Thor. Verkörpert wird dieser von dem australischen Schauspieler Chris Hemsworth („Star Trek“; 2009), der blond, blauäugig und muskelgepanzert wie ein Bilderbucharier wirkt. Nach einer visuell überdeutlich an Leni Riefenstahls Paraden aus „Triumph des Willens“ (1935) angelehnten, aber gescheiterten Inauguration zum König wird Thor wegen seines aufbrausenden Temperaments von seinem Vater Odin verstoßen (Anthony Hopkins – noch ein Brite, der, wenn er nicht gerade als kannibalischer Serienmörder reüssiert, vor allem als Bühnenschauspieler und mit Literaturverfilmungen bekannt ist). Aus Asgard verbannt verschlägt es unseren Helden dann nach Amerika. Und obwohl der Film im New Mexico der Gegenwart angesiedelt ist, zitiert er natürlich in fast jeder Einstellung 50er-Jahre-Americana wie die Kleinstadt mit Diner, Bar, Dorfschönheit und Wüste drum herum. Der Running gag, den Branagh daraus entwickelt, dass der tumbe Heros im modernen Amerika wie ein debiler Wrestler oder ein stumpfsinniger Redneck wirkt, ist allerdings auch bei der x-ten Wiederholung nicht sonderlich innovativ. So weit, so vorhersehbar.

Was Branagh aber umso besser gelingt, das ist die Parallelhandlung in Asgard und die Geschichte von Thors Vertreibung aus dem Götterreich, die uns zu Beginn in einer langen Rückblende erzählt wird. Ist hier erst einmal die ärgerliche Riefenstahl-Reminiszenz abgehandelt und die abstruse Prämisse des Films vergessen, dann kann man „Thor“ durchaus als das genießen, was er in erster Linie sein will: visuell opulentes Überwältigungskino, das selbst das mittlerweile totgerittene und für Produktionen dieser Größenordnung obligatorische 3D effektiv einsetzt. Der eigentliche Star des Films aber ist weder das stereoskopische Format, der Superheld oder seine Gegner, sondern die in der Krone der Weltenesche Yggdrasil gelegene, in komplementärfarbigen Tableaus von Goldgelb und Blau getaucht Götterwelt Asgard, wo die aufbrausenden Göttersöhne hausen. Diese Fantasiewelt ist eine wahre Augenweide: mit Ansammlungen goldener Türme, die wie futuristische Orgelpfeifen wirken, allenthalben glänzenden Oberflächen und einem glitzernden Sternenhimmel; zusätzlich eine gigantische Brücke, die dunkel funkelt und aus einem Material gefertigt ist, das wie eine Art elektrisierter schwarzer Marmor aussieht. Über diese Brücke gelangen die Helden in die Gegenwelten; zu den Menschen oder in die Welt der Frostriesen von Jotunheim, die, so will es der Plot, Thors Erzfeinde sind. Eye candy nennen die Amerikaner so etwas: Nichts für den Kopf, sondern was fürs Auge.

Für solch einen irrwitzigen Bombast scheint paradoxerweise gerade ein kühler Brite wie Branagh der ideale Regisseur zu sein. Immerhin war es einer seiner Landsleute, der den bis heute besten Fantasyfilm überhaupt gedreht hat: John Boorman, der mit seinem rauschhaften „Excalibur“ 1981 versuchte, die Artus-Legende noch einmal ganz ironiefrei zum Leben zu erwecken. Doch während der Mythopoet Boorman die Artus-Sage von späteren christlichen Anverwandlungen befreit und zum Schwanengesang auf das Heidentum und die alten Naturgötter umdeutete, da beschreitet Branagh den diametral entgegengesetzten Weg: Er christianisiert Thor und die nordische Mythologie. So wirkt der Donnergott eher wie der blond-blauäugige Jesus unzähliger Bibelverfilmungen, sein gütig-weiser Vater Odin mit dem weißen Rauschebart wie eine Mischung aus den kitschigsten Gottesbildern des Christentums und dem Weihnachtsmann. Auch Loki (Tom Hiddleston), hier Thors (Stief-)Bruder, ist nicht mehr der Trickster der Mythologie, sondern wird zum gefallenen Engel Luzifer inklusive der nach hinten gebogenen Hörner, die seinen Helm zieren. Hinzu kommen Anklänge an die durch das Kino wieder und wieder geplünderte griechische Mythologie, etwa wenn Thor auf der Erde wie einst Steve Reeves’ Herkules in Pietro Franciscis „Le fatiche di Ercole“ („Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“; 1958) gute Taten vollbringt und mit einer Menschenfrau (Natalie Portman) anbandelt. Das Ergebnis ist Camp in höchster Vollendung, und gerade die prinzipielle Lächerlichkeit dieses Sammelsuriums an Absurditäten bereitet dem befreienden Lachen seinen Weg. Selbst eine Referenz an Richard III.“ findet hier ihren Platz, wenn der stoische Held in ein Zoogeschäft stürmt und „A horse, I need a horse!“ deklamiert. Warum Thor überhaupt (akzentfrei) Englisch spricht, ist wie die anderen Logiklöcher des Plots darüber schnell vergessen. Und da Branagh nicht den Fehler macht, den Bogen zu überspannen und eine Actionszene an die andere zu reihen, sondern stattdessen auf jeden Krawall eher kontemplativen Unsinn folgen lässt, kommt man auch nicht völlig erschlagen, sondern im Großen und Ganzen ziemlich gut gelaunt aus dem Kino.


Dieser Text ist zuerst erschienen auf www.filmgazette.de


„Thor“ („Thor“; USA 2011)
Regie
: Kenneth Branagh - Drehbuch: Ashley Miller, Zack Stentz, Don Payne - Produktion: Kevin Feige, Stan Lee - Kamera: Haris Zambarloukos - Schnitt: Paul Rubell - Musik: Patrick Doyle - Besetzung: Chris Hemsworth, Natalie Portman, Anthony Hopkins, Idris Elba, Kat Dennings, Ray Stevenson, Stellan Skarsgård, Tom Hiddleston, Rene Russo, Clark Gregg, Jaimie Alexander, Colm Feore - Verleih: Paramount - FSK: ab 12 Jahre – Deutscher Kinostart: 28.04.2011 - Länge: 114 Min.



Und – as usual – der Originaltrailer via Youtube:


Die Dialektik von Herr und Magd – HANYO von Sang-soo Im



„Hanyo“

("Das Hausmädchen"; Regie: Sang-soo Im; Südkorea 2010)


Eine junge Frau nimmt eine Stelle als Hausmädchen bei einer reichen Familie an. Eun-yi (Do-youn Jeon) ist schön, aber auch naiv, und, wie die Exposition zeigt, wohl auch etwas zu neugierig. Ihre wohlhabenden Arbeitgeber dagegen, die Gohs, sind blasiert, gelangweilt, distinguiert. Der Hausherr Hoon (Jung-jae Lee) trägt teure Hemden und trinkt noch teureren Wein, seine schöne, aber launische Frau Hae-ra (Woo Seo) ist schwanger mit Zwillingsmädchen. Eine Tochter haben beide schon, die junge Nami (Seo-hyun Ahn), um die sich Eun-yi kümmern soll. Manche haben eben alles, andere fast nichts. Eine alte Hausdame Byung-sik (Yuh-jung Youn) kümmert sich zudem seit Jahrzehnten um die Familie. Vielleicht trägt sie ein dunkles Geheimnis mit sich, eine Geschichte, die sich in ihrer Jungend ähnlich ereignet haben mag, wie sie das neue Hausmädchen erleben wird – wir werden es nie erfahren. Verbittert und etwas wunderlich ist die Alte über die Jahre geworden. Heimlich nascht sie von den Resten der Goh’schen Mahlzeiten und bedient sich am Wein des Hausherrn, als ob ihr das zusteht – dafür, dass sie all die Jahre diese hohlen, boshaften Menschen ertragen hat. Vielleicht hält sie sich auch mittlerweile für die eigentliche Hausherrin, wer weiß? Eines wird schnell offensichtlich: Das Verhältnis Herr und Knecht, bzw. Herr und Magd ist komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

Ein Selbstmord in der Exposition, den Eun-yi beobachtet, bevor sie zu den Gohs kommt, wirft bereits einen dunklen Schatten der Vorahnung über die Geschichte vom Hausmädchen, das aufs Land zieht, zu den egoistischen Bourgeois, die in eleganten, kalten, von gedämpften Weiß- und Schwarztönen bestimmten Villen leben. Das düstere Omen wird bald bestätigt, denn die Gohs werden die junge Frau ausnutzen und quälen. Doch so eindeutig sind die Machtverhältnisse nicht. Wenn der Ehemann plötzlich betrunken im Zimmer der jungen Frau steht, dann unterwirft sich das junge Hausmädchen dem stumpfsinnigen Macho, als hätte sie schon seit Wochen auf ihn gewartet. Überhaupt übernehmen die Frauen hier die zentrale Rolle als eigentlich starkes Geschlecht: Die Hausherrin und ihre Mutter scheinen zu allem fähig und im Hintergrund zieht die alte Hausdame die Fäden. Mehr als einmal wirken Hae-ra und ihre Mutter, wenn sie beim Mordpläneschmieden vor den lodernden Flammen eines offenen Kamins fotografiert werden, wie zwei Hexen. Der Mann im Haus dagegen ist nur ein eitler Geck, der selbst beim Vögeln das Spiel seiner Muskeln im Spiegel bewundert. Und doch zieht Eun-yi etwas magisch zu dieser Familie, die wie aus einem schwarzen Märchen entsprungen wirkt. Selbst als Eun-yi schwanger wird und die Frauen des Hauses einen ersten Mordanschlag auf sie verüben, kehrt das Hausmädchen zurück in das Landhaus. Die Konsequenzen sind, was sonst, mörderisch.

Sang-soo Ims "Das Hausmädchen" ist ein freies Remake des gleichnamigen, 1960 erschienenen Thrillers von Ki-young Kim, einem Meister des psychologischen, melodramatisch grundierten Horrorfilms. Kims Film ist der wohl bekannteste koreanische Film der Nachkriegszeit, und mit Regisseuren wie Martin Scorsese hat er auch im Westen viele Bewunderer. In der ersten Version des "Hausmädchens" war die Titelheldin noch eine mörderische Femme fatale. In Ims Neufassung bleiben die Beweggründe der jungen Frau rätselhaft.

Bestenfalls Fragmente einer Biografie erfahren wir von Eun-yi, fast nichts über ihr Leben vor der Begegnung mit den Gohs. Aber realistische, psychologisch motivierte Charaktere sind in der Neufassung dieser klassischen Geschichte sowieso nebenrangig. Stattdessen inszeniert Im einen postmodernen Thriller, der mit seinen boshaften Spitzen gegen die südkoreanische Bourgeoisie zu Beginn wie ein Versuch wirkt, Chabrol nach Asien zu transponieren. Über weite Strecken erinnert „Das Hausmädchen“ in seiner Stilisierung auch an die Gialli, diese eleganten, wilden psychosexuellen Thriller aus dem Jet-Set-Italien der 70er Jahre. Mit der eleganten Kameraarbeit, der assoziativen Montage, den sorgfältig kadrierten CinemaScope-Bildern und der exzellenten Ausstattung des Hauses mit kubistischen Gemälden, rauschhaft-ornamentalem Jugendstil-Design und nach innen gewundenen Treppen ist "Das Hausmädchen" über weite Strecken vor allem ein visuelles Erlebnis; ein erlesener Bilderreigen, dessen effektive Wechsel von Tonalität und Stimmung umso verstörender wirken. Zum Schluss lässt Im dann den Plot Purzelbäume schlagen, gibt eine realistische Dramaturgie endgültig auf und wagt sich auf das Terrain von David Cronenberg und David Lynch.

Retrospektiv fragt man sich, ob das alles nicht die Phantasie einer der Figuren war. Aber welcher? Die der alten Hausdame, die sich eine Rachephantasie zurechtspinnt mit einer jungen Stellvertreterin ihrer selbst in der Hauptrolle? Die der schwangeren Mutter, die sich als omnipotente schwarze Märchenkönigin an ihrem treulosen Mann rächt? Oder die des jungen Hausmädchens, das sich in einer sadomasochistischen Phantasie als den heimlich aktiven Part imaginiert? In jedem Fall bestätig „Das Hausmädchen“ zusammen mit den Werken anderer südkoreanischer Filmemacher wie Joon-ho Bong (“Madeo” / „Mother“; 2009), Hong-jin Na (“Chugyeogja” / “The Chaser”; 2008), Jee-woon Kim (“Akmareul boatda” / “I Saw the Devil”; 2010) und Jeong-beom Lee (“Ajeossi” / “The Man From Nowhere”; 2010), dass die besten Thriller derzeit aus Südkorea kommen – sei es als psychologischer Kriminalfilm, klassische Detective story, harter Polizeifilm, wilde Action-Fantasie oder eben als surreales Kammerspiel. 

Dieser Text ist zuerst erschienen auf www.filmgazette.de

Hier kann man sich das Original von 1960 übrigens als kostenlosen Stream ansehen.
 
„Hanyo“ („Das Hausmädchen“; Südkorea 2010)
Regie
: Sang-soo Im - Drehbuch: Sang-soo Im, Ki-young Kim - Produktion: Jason Chae, Jin Sup Kin, Pyung Ho Choi, Dong Won Kim, Kyung Kim - Kamera: Hyung Deok Lee - Schnitt: Eun Soo Lee - Musik: Hong Jip Kim - Besetzung: Do-yeon Jeon, Jung-jae Lee, Woo Seo, Seo-hyun Ahn, Yuh-jung Youn, Ji-young Park - Verleih: Alamode - FSK: ab 16 Jahre - Deutscher Kinostart: 21.04.2011 - Länge: 106 Min.


Und der Trailer (Original mit Untertiteln) via YouTube: