Mittwoch, 13. Februar 2013

Einsamkeit, Leere, Selbsthass: SHAME von Steve McQueen


Shame
(UK 2012; Regie: Steve McQueen)

Brandon Sullivan (Michael Fassbender) hat es scheinbar geschafft: Er sieht blendend aus, verdient als Angestellter eines New Yorker Unternehmens bestens und bewohnt ein luxuriöses Appartement. Doch hinter der Fassade des erfolgreichen Geschäftsmanns rumort es. Bei jeder Gelegenheit flüchtet sich der elegante Mittdreißiger in schnellen Sex.

Er onaniert zwanghaft, durchstreift ruhelos die New Yorker Clubs auf der Suche nach dem nächsten One-Night-Stand und besucht Prostituierte. Selbst auf der Arbeit masturbiert er regelmäßig auf der Toilette. Als sich seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) bei ihm einquartiert, gerät Brandons Leben endgültig aus dem Tritt. Denn die emotionale Sängerin fordert von ihrem Bruder das ein, was er allen Menschen um sich verweigert: echte Nähe.


Mit "Hunger" (2008), der Geschichte eines IRA-Kämpfers, der sich in britischer Haft zu Tode hungert, hatte der Fotograf Steve McQueen vier Jahre zuvor ein eindrucksvolles Regiedebüt vorgelegt. "Hunger" war nicht nur einer der besten europäischen Filme der letzten Jahre, sondern auch der eigentliche Karrierestart des deutsch-irischen Schauspielers Michael Fassbender, der in der Hauptrolle einen schauspielerischen Parforceritt sondergleichen hinlegte. Das düstere Großstadtmelodram "Shame", die zweite Regiearbeit McQueens und seine zweite Zusammenarbeit mit Fassbender, schließt thematisch wie ästhetisch an das preisgekrönte Vorgängerwerk an.


Wie "Hunger" erzählt "Shame" von einem Mann, der seinen Körper einem selbst gewählten Martyrium aussetzt. Dabei handelt "Shame" nur vordergründig von Sexsucht. Fassbenders Figur könnte ebenso gut spielsüchtig sein, ein Junkie oder Alkoholiker. "Shame" ist vor allem eine Studie über existenzielle Einsamkeit, Bindungsunfähigkeit und Depression. Der sexuelle Eroberungswahn des Protagonisten und sein körperliches Sich-Verschwenden sind, ähnlich wie die unkontrollierte Emotionalität seiner Schwester, Ausdruck einer tiefen Verstörung, deren Ursache unbekannt bleibt.

Meisterlich überführt McQueen das düstere Sujet in die Inszenierung. "Shame" besticht durch eine ausgeklügelte Farbdramaturgie und eine elaborierte Montage, die bereits in der Exposition verschiedene Zeit- und Raumebenen durchmisst. Kameramann Sean Bobbitt gibt den Schauspielern in langen ungeschnittenen Einstellungen den Raum, ihr schauspielerisches Talent voll auszuspielen. Die düsteren, zwischen Glamour und Schäbigkeit changierenden Breitwandbilder transformieren das nächtliche New York in eine verwüstete Seelenlandschaft.

Formal und schauspielerisch zählt "Shame" zu den Höhepunkten des Kinojahres 2012. Aufgrund seines schwierigen Themas wird der anspruchsvolle Film kaum ein großes Publikum finden. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird mit einem Kinoerlebnis belohnt, das lange nachwirkt. Völlig zu Recht erhielt Michael Fassbender beim Filmfest Venedig 2011 für seine Leistung den Darstellerpreis.


Dieser Text ist zuerst erschienen auf: www.br.de

SHAME (Großbritannien 2011)
Regie: Steve McQueen; Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan; Produktion: Iain Canning, Emile Sherman; Kamera: Sean Bobbitt; Schnitt: Joe Walker; Musik: Harry Escott; Verleih: Prokino; Kinostart (D): 01.03.2012; FSK: ab 16 Jahre; Länge: 100 Min.; Besetzung: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Hannah Ware, Amy Hargreaves, Nicole Beharie, Mari-Ange Ramirez, Alex Manette, Elizabeth Masucci, Rachel Farrar u.a.


Und hier noch der Trailer via Youtube:

1 Kommentar:

Tobias Bateman hat gesagt…

Gut geschrieben. Kann mich dem nur anschließen. Shame ist einer der stärksten Filme von 2012. Eine Schande dass Michael Fassbender nicht zumindest mit einer nominierung für den Oscar bedacht wurde!