Mittwoch, 1. Oktober 2008

MONDO CANE: "Dokumentar"-Film als Exploitation

MONDO CANE

Paolo Cavara / Gualtiero Jacopetti / Franco Prosperi

I 1962

DVD, FS, EF (86 min, Woodhaven Entertainment, cut?)

*1/2


Der Albtraum eines jeden Ethnologen: Eine Gruppe italienischer Exploitationfilmer schickt sich an, uns über die Absonderlichkeiten der Menschheit „aufzuklären“. Der Schnitt wirft uns vom Hundezwinger zu afrikanischen Stammesritualen, vom US-amerikanischen Hundefriedhof in ein Korallenatoll, in dem Südseebewohner ihre Toten versenken. Viel Tier- und Menschquälerei und Elend aus der „Hundewelt“ (mondo cane) wird präsentiert, mit süffisant-zynischem Kommentar aus dem Off zusammengekleistert, immer hält die distanz- und gnadenlose Kamera voll drauf. Die Bilder von den Trinkern auf der Reeperbahn zählen wohl zum Unbarmherzigsten, dem ich bislang begegnet bin, und, ohne hier falsche Analogien ziehen zu wollen, diese Inszenierung erinnert, in der Haltung wohlgemerkt, nicht in Bezug auf den Antisemitismus, an den perfiden Kamerablick von Machwerken wie „Der Ewige Jude“ (1940). Interessant ist an diesem Kompendium der Verachtung allenfalls, das es bis zu einem gewissen Maß eine Aufmerksamkeit dafür erzeugt, was Dokumentarfilme normalerweise nicht zeigen. Von allen Bildern, die das Filmteam von Menschen gesammelt hat, sehen wir immer nur die hässlichsten. Immer den Moment, wenn jemand in der Nase bohrt; oder jemanden, der unpassend gekleidet ist; der unserer (westlich-)tradierten Wahrnehmung als ausgesprochen hässlich erscheint. Kurz: all das, was sonst die Pietät geboten hätte, herauszuschneiden, wird hier Perlen an einer Schnur gleich aufgereiht. Würde man das Ganze ernst nehmen, so ließe sich hier nur Menschenverachtung oder besser: Welt- und Menschenhass finden.

Für wen wurde ein solcher, im Übrigen zu seiner Zeit extrem erfolgreicher Film eigentlich gemacht? In den Dreck werden fast alle gezogen. Zugute halten könnte man Jacopetti, Prosperi und Cavara auf den ersten Blick, das sie auch italienischen Aberglauben und religiöse Verstümmelungsrituale ausstellen. Andererseits zeigen sie dies wohl vor allem, weil das Material so leicht zu filmen war (bzw. im Archiv zu finden). Der Rest ist eurozentristische Verachtung den „Wilden“ der „unterentwickelten“ Länder gegenüber, antiamerikanisches wie antideutsches Ressentiment (ungewöhnlicherweise findet sich kein Beitrag über französische „Sitten“ – waren keine Bilder vom Froschenkel-Essen oder Ähnlichem zu erhalten?). Aber das Material aus Italien greift entweder die katholische Kirche an oder es zeigt uns „unterentwickelte“ Süditaliener, was dann auch nicht mehr verwundert. Letztlich nimmt der Film eine überheblich-norditalienische Kleinbürgerlichen-Perspektive ein, die jeder Devianz gegenüber nur Verachtung bereit hält und deren Hass sich, als mondän-dekadente Neugier verkleidet, in einer arroganten Freakshow äußert. Eine ähnliche Geisteshaltung wie hier dürfte dem Kolonialismus vergangener Jahrhunderte zugrunde gelegen haben. Interessant wäre es, herauszufinden, ob „Mondo Cane“ speziell im Süden oder im Norden Italiens erfolgreich war. Ich weiß es nicht. Von den Regisseuren und Drehbuchautoren ist jedenfalls nur Cavara Norditaliener und stammt aus Bologna, Jacopetti wurde im toskanischen Barga und Prosperi in Rom geboren.


Lange vor jeder political correctness entstanden, wurden die Regisseure dieses Prototyps aller modernen „Shockumentaries“ u. a. in Cannes (1962) für die Goldene Palme nominiert und ein Musikstück Riz Ortolanis und Nino Olivieros war 1964 für den Oscar nominiert. Die italienische Filmindustrie verlieh „Mondo Cane“ 1962 den David di Donatello als beste Produktion. Das alles ist im Rückblick fast unfassbar.



Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Für jemandem, bei dem man aufgrund seines Schreibstils einen wissenschaftlichen Hintergrund vermuten möchte, scheint dies durchwegs eine entäuschend engstirnige und spiessige Art der Betrachtung. Insbesondere die beinahe Ausklammerung aller formalen Aspekte erstaunt doch sehr - abgesehen von einem sicherlich interessanten, jedoch nicht weiter ausgeführten Vergleich zum "ewigen Juden", wird nicht weiter darauf eingegangen.
Ein Dokumentarfilm, auch wenn traditionell um Authentizität und Objektivismus bemüht, zeigt immer nur eine selektive Wirklichkeit. Jacopetti, der sich dieses Umstands bewusst war, durchkreuzte mit seinem Film das grundlegende Täuschungsmanöver des Dokfilms. Jacopetti benutzt Techniken, wie grelle Schnittmontagen oder provozierende gegenüberstellungen von Bildern, die man damals aus dem Kino der Fiktion und des Avantgarde-Films kannte, um den Zuschauer zu manipulieren.

Anstatt Jacopetti ein kolonialistisch gefärbte Weltbild zu unterstellen, wäre es ausserdem für die inhaltliche Diskussion z.B. ergiebiger, Mondo Cane in Bezug zu dem damals seitens der Sozialwissenschaften beliebten (positivistisch geprägten) Behaviorimus oder insb. der Modernisierungstheorie zu stellen. Stattdessen wird versucht, Jacopetti in eine Ecke zu drängen, in der er in der Rezeption schon seit je her fälschlicherweise steht.

Wer sich mit dem Gesamtwerk - insbesondere auch mit seinem fantastisch-burlesken Candide-Adatpion "Mondo Candido" - auseinandersetzt, kommt zum Schluss, dass dieser Mann ein Menschenenfeind, ein Zivilisationspessimist, aber kein Rassist ist/ gewesen war.

Mondo Cane mag gewiss bedenklich, exploitativ und latent rassistisch erscheinen - aber der Film ist interessanter, filmhistorisch wichtiger und besser gemacht, als dass es der Anschein hier erwecken mag.

themroc hat gesagt…

Lieber anonymer Leser,

ich halte Jacopetti und seine Kollegen gewiss nicht für dumm und die Techniken, die "Mondo Cane" anwendet (Du nennst das zu Recht manipulativ), beweisen fraglos technische Versiertheit und in Bezug auf "das grundlegende Täuschungsmanöver des Dokfilms" vielleicht auch einen subversiven Impetus. Das enthebt die Filmemacher aber nicht von jeglicher Verantwortung oder macht den Film per se zum aufklärerischen Werk. Dass, was ich gesehen habe (also „Mondo Cane“ für sich genommen und die Persönlichkeit der Filmemache sowie ihr weiteres Werk einmal völlig ausgeklammert), war einfach nur zum Kotzen. Und das liegt vor allem an der Misanthropie und Zivilisationsverachtung, die man dem Film in fast jeder Einstellung ansehen kann und der verlogenen Art, mit der er diese Haltung ausstellt und konsumierbar macht (und enorm erfolgreich war der Film fraglos). Insoweit ist die hier veröffentlichte Kritik natürlich eine Polemik, sehr persönlich geschrieben und weit entfernt von einer wissenschaftlichen, objektiven Auseinandersetzung. Die kann man anderswo finden, und die hat ebenso wie Deine Lesart durchaus ihre Berechtigung. Ich glaube aber kaum, dass meine Reaktion auf den Film gleich „spießig“ ist. Ich glaube viel eher, dass der Film gerade das ist: aggressiv-spießig und alles verachtend, was nicht ins eigene Weltbild passt. Das mag auf Jacopetti persönlich vielleicht nicht zutreffen. Auf seinen Film meiner Ansicht nach schon.

P.S.: "Mondo Candido" kenne ich (noch) nicht, hole das aber bei Gelegenheit gerne nach ...

Anonym hat gesagt…

Besten Dank für deine Replik. Ich kann das alles bestens verstehen und nachvollziehen. Was mich wohl am am meisten verwunderte, war tatsächlich die subjektivierte (wie du sagst: "polemische") Art und Weise dieser Kurzkritik zu Mondo Cane. Das ist natürlich Dein gutes Recht, aber steht irgendwo konträr zu den jüngeren Entwicklungen in der Filmwissenschaft, auch Regisseure aus exploitativeren Bereichen wie z.B. ein Wes Craven als Auteurs wiederzuentdecken. Gerade weil auf dieser Seite unterschiedliche Genrefilme (aus Italien) durchaus mit einer gehörigen Portion Ernsthaftigkeit besprochen wurden, was ich extrem erfreulich finde, enttäuschte diese etwas unwissenschaftliche Betrachtung (entschuldige bitte das "spiessig" in diesem Kontext) Jacopettis umso mehr.
Das Weltbild dieses Mannes ist zweifellos ein obskures und wenig anheimelndes; allerdings ist doch gerade auf die von Dir aufgeworfene Frage nach der Ursache des Erfolgs dieses Films eine Thematisierung der Begriffe "Inszenierung" des Dokumentarfilms und Manipulation des Zuschauers unumgänglich.(Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht wieder auf Propagandafilme des 3. Reiches zu sprechen kommen, sondern verweise mal auf Resnais "Night and Fog" - einer der eindrücklichsten und gleichzeitig manipulativsten Filme über den Holocaust überhaupt...) Sicherlich lässt sich ein Teil des Erfolges auch an der Lust nach morbider Exotik erklären, in einer Welt in der das Reisen noch kein Volkssport sondern das Privileg weniger war.

Ansonsten find' ich es aber extrem spannend, fundierte und rhetorisch geschickte Texte über Genrefilme jenseits bekannter Fantextereien zu lesen. Danke dafür und hoffentlich bald mehr davon!

Mondo Candido, übrigens ein Spielfilm und kein Mondo, ist aufgrund rechtlicher Probleme bisher nur auf Video erhältlich (auf deutsch unter dem Titel: "Blutiges Märchen")
Ebenfalls empfehlen möchte ich "Das wilde Auge" von Jacopettis Weggefährte Paolo Cavara: Eine nicht immer ganz geglückte aber dennoch spannende Abrechnung mit Jacopettis "Arbeitsmethoden".

Es grüsst freundlich, der anonyme Leser

themroc hat gesagt…

Lieber Leser,

schön, dass wir doch noch zusammenfinden! Und es freut mich natürlich, dass Dir offenbar ein paar der anderen Texte auf meiner Seite gefallen haben. Tatsächlich bin ich ja ein großer Bewunderer des europäischen Genrekinos – speziell der Ära 1945 bis 1980 und insbesondere des italienischen Films. Und was die von Dir angesprochene neue Tendenz in der Filmwissenschaft betrifft, also die längst überfällige Reevaluierung des europäischen Genre- und Populärkinos, so zähle ich mich ja durchaus zu dieser Schule. Ich habe u.a. auf film- und medienwissenschaftlichen Konferenzen Vorträge zu Italowestern, Gialli und Pepla gehalten, kürzlich ein ausführliches Buch zu Leone veröffentlich (im Bertz+Fischer-Verlag) und ein Forschungsprojekt zum europäischen Genrefilm initiiert. Ende letzten Jahres haben ein Kollege und ich zudem in der Zeitschrift MEDIENwissenschaft ein ausführliches Plädoyer für eine Neubetrachtung dieser Populärfilme verfasst (http://www.staff.uni-marburg.de/~medrez/Hefte%202009/aktuell4-2009.html) und u.a. die Ignoranz der tradierten Filmgeschichtsschreibung kritisiert. Auch darum kann ich Deine Kritik gut nachvollziehen. Aber ein Blog lebt, ähnlich wie journalistische Filmkritiken, ja gerade von persönlichen, mitunter auch zugespitzten Positionen; bietet die Möglichkeit, auch einmal Dampf abzulassen und auf differenziertes Abwägen zu verzichten. So ein Fall ist meine „Mondo Cane“-Rezension gewesen. Und auch darum sollte an sie nicht unbedingt dieser Anspruch angelegt werden. Normalerweise bemühe ich mich aber um eine ausgewogene und gerade gegenüber dem „unterschlagenen Film“ wohlwollende Perspektive.

„Das wilde Auge“ liegt hier übrigens seit geraumer Zeit auf einem großen Stapel von DVDs, die ich demnächst sichten wollte. Mal sehen, vielleicht gibt es dazu früher oder später etwas – differenziertes – auf meiner Seite zu lesen. Oder etwas zu obskuren Gialli, die es mir in letzter Zeit sehr angetan haben ...

Es hat mich aber sehr gefreut, von einem Leser ein Feedback (auch Kritik) zu bekommen und fand die Diskussion äußerst lohnend! In diesem Sinn danke für Deine Kommentare und ein schönes Wochenende!

Beste Grüße
Harald

Fabian Odermatt hat gesagt…

Die freundlichen Worte gebe ich sehr gerne zurück. Ich habe die Seite gestern eher per Zufall entdeckt und nicht damit gerechnet, dass man auf meine Antwort einer über 2 Jahre alten Besprechung gleich so ausführlich reagieren würde, was ich super finde. Da ich nun weiss, wer hier dahintersteckt, kann ich gerne sagen, dass sich das Leone-Werk seit ein paar Monaten in meinem Besitz befindet und ich wirklich nur Positives über das Buch berichten kann ;)

Ein derartig enthusiastisches Engagement für den Unterschlagenen Film find' ich übrigens absolut bewundernswert und es ist schön zu sehen, wie sich die Rezeption und Wahrnehmung von einst so geächteten Figuren wie z.B. eines Lucio Fulci durch solche Bemühungen in letzter Zeit gewandelt und gebessert haben.

Werde den Blog fortan sicher regelmässig verfolgen.
Weil du "obskure Gialli" erwähntest: Ich habe letztens E TANTA PAURA (ebenfalls vom guten Paolo Cavara) gesichtet und bin immer noch völlig platt vor Freude über die vielen dadaistische Wahnsinnigkeiten dieses Films. Vielleicht der extremste Giallo überhaupt - eine irrwitzige Parodie auf das Genre, am ehesten noch vergleichbar mit den Oeuvres der Wunderfilmer Canevari oder eines Questi. Eventuell wäre auch sowas ein schöner Titel für diesen Blog ;)

Kleine Randnotitz:
Meine Sichtung von Mondo Cane liegt auch schon länger zurück, allerdings erinnere ich mich vage an einige Sequenzen aus Frankreich (über die Herstellung von Gänsestopfleber und Kunst aus alten Autos) als auch Italien (eine sehr unangenehmer Beitrag über das Einfärben von Küken zur Osterzeit). Das mag den Film für Dich kaum besser machen, aber entkräftet etwas den Vorwurf des ungleichen Zivilisationspessimismus.

Beste Grüsse

Fabian

themroc hat gesagt…

Hi Fabian,

ja, an obskuren Gialli ist die italienische Filmgeschichte nicht gerade arm. E TANTA PAURA kenne ich noch nicht. Wird aber definitv vorgemerkt. Kann aber ein wenig dauern, bis auf dem Blog wieder was zu Gialli erscheint, da ich gerade viel um die Ohren habe...
Was MONDO CANE betrifft und die Szenen aus Frankreich: Das liegt vermutlich daran, dass ich eine andere Schnittfassung des Films gesehen habe als Du. Die Anchor Bay-Box war damals vergriffen und ich musste daher auf eine alternative DVD-Veröffentlichung aus den USA zurückgreifen. Es kann gut sein, dass diese eine Alternativfassung des Films enthielt, aus der einzelne Sequenzen entfernt worden sind.
Ansonsten freut es mich natürlich sehr, dass Du Dir mein Leone-Buch zugelegt hast und es Dir gefällt!

Beste Grüße
Harald